[personal profile] noctifer
Kurzbeschreibung:
Eine Verrückte wurde im Vaticano aufgegriffen. An sich nichts Neues für Padre Aurelius, der die Gefangene verhören soll. Er ahnt nicht, dass er in ein perfides Katz-und-Maus-Spiel verwickelt wird, das ihn seinen Verstand und seine Seele kosten könnte. Um sich selbst zu retten, muss er durch die Hölle gehen, sich dabei seinen dunkelsten Erinnerungen stellen und erkennen, dass es besser ist auf sich selbst zu vertrauen, als darauf zu hoffen gerettet zu werden.


Dunkel und leer erstreckten sich die Katakomben der Basilika San Pietro zu seinen Füßen.

Wie von selbst hatten ihn seine Beine den Weg zu der hintersten Kammer der unterirdischen Gewölbe getragen, vor der vier imposante Schweizer Gardisten und zwei Priester Wache hielten.
Der ältere Priester kam sofort auf ihn zu, während der jüngere weiterhin einige Schritte von der Tür entfernt verharrte und nervös auf den Fußspitzen wippte. Sein Blick huschte zu den Soldaten, die zu seiner Überraschung ebenso unruhig und ängstlich dreinsahen wie die beiden Priester.

Sein Glaubensbruder verneigte sich steif und rasch, bevor er leise und eindringlich auf ihn einzureden begann.
„Bruder Aurelius, ich weiß nicht, was Ihr gefangen habt, jedoch plädiere ich dafür, das Konzil einzuberufen!“
„Das Konzil?“, fragte Pater Aurelius überrascht.

Das heilige Konzil, das nur in Notsituationen und meist ohne Wissen der Öffentlichkeit zusammengerufen wurde, bestand aus den höchsten Würdenträgern der Kirche, die unter dem Vorsitz des Papst über pikante oder gefährliche Unternehmungen sowie Funde berieten.
Bei jeder Reliquie, die gefunden wurde, bei jedem halbwegs glaubwürdigen Evangelium wurde jenes Konzil einberufen, doch seines Wissens nach war es noch nie vorgekommen, dass ein einfacher Dämon, augenscheinlich ein Succubus, vielleicht auch nur eine Hexe, einen derartigen Wirbel verursacht hatte.

„Beruhige dich, Bruder Benedikt. Es ist eine Hexe, ein einfacher Dämon, vielleicht nur ein verrücktes Weibsbild. Was ist in dich gefahren?“
Die Augen seines Bruders Benedikt waren glasig, als er seinen Blick auf Aurelius heftete. Eine eisige Klammer legte sich um sein Herz: er sah den gleichen Wahnsinn in den Augen seines Gegenübers, der auch Patrick befallen hatte.
„Bruder, mein Herz sagt mir, dass dort die Dunkelheit auf euch wartet!“
Langsam wurde auch Aurelius unwohl zumute.
„Ich trage das Licht in meinem Herzen. Gott wacht über mich und wird mich führen, um die Dunkelheit zu besiegen“, versprach Aurelius, wandte den Blick ab und ging energischen Schrittes auf die schwere Holztür zu.
Die beiden Gardisten traten ihm aus dem Weg.

Entgegen der Vorschriften öffnete ihm keiner der beiden die Tür; eine Tatsache, die Pater Aurelius verwunderte.
Ebenso, dass er vier leise Stimmen hinter sich hörte, die ihm Glück und Gottes Segen wünschten.


Der prüfende, fast gelangweilte Blick aus den eisblauen Augen passte nicht zu der Situation, in der sich die junge Frau befand.
Mit schweren, teils rostigen Ketten saß sie gefesselt an einen Steinquader gelehnt in der Kälte des päpstlichen Kerkers.
Die feuchte, modrige Luft, der ein ekelerregender Beigeschmack nach Exkrementen, Angst und Schweiß der vorherigen Zelleninsassen beiwohnte, nahm Aurelius kurzzeitig den Atem.
Die junge Frau verzog ihre Lippen zu einem herablassenden Lächeln und schnupperte.
„Tod, Angst und Verderben“, sagte sie leise, „so riecht also das Seelenheil Christi.“

Ohne sich durch ihre Worte aus der Fassung bringen zu lassen, umrundete Aurelius die Gefangene und achtete peinlich genau auf eine schwache Linie aus silbernen, staubbedeckten Buchstaben am Boden.


Pater noster, qui es in caelis:

sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum tuum.
Fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum catidianum da nobis hodie.

Et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem,
sed libera nos a malo.
Quia tuum est regnum et potestas et gloria
in saecula.

Amen.



Das Mädchen sah zu Boden, schüttelte scheinbar amüsiert den Kopf, aber sagte nichts weiter dazu.

Schon einige Besessene hatte Aurelius gesehen, viele Hexen, nicht allzu viele Dämonen und einige Vampire. Doch die Frau vor sich vermochte er nicht einzuordnen.
Sie wurde aufgegriffen, als sie versucht hatte einen Priester zu verführen. Unterdessen sich der Diener Gottes an sein Gelübde erinnerte oder daran erinnert wurde, hatte sie zu einigen Bemerkungen ausgeholt, deren gotteslästerliche und unflätige Inhalte sogar seinem erfahrenen Kollegen Pasquale die Schamesröte ins Gesicht getrieben und sie ins Gefängnis gebracht hatten.
Doch erst am nächsten Morgen wurde sie in die Kerker des San Pietro gebracht, nachdem sie im Vorraum der, wie von Zauberhand geöffneten, Zelle aufgegriffen worden war. Nach einem Blick in ihre Zelle musste der arme Pasquale mit einem Nervenzusammenbruch zu den medizinisch ausgebildeten Priestern gebracht werden: In Blut geschriebene, satanische Zeichen bedeckten den Boden, die Wände und sogar die Decke des steinernen Gefängnisses!
Nur mit Mühe war es dem Klerus gelungen, die Vorfälle geheim zu halten, denn auch der Vaticano war nichts weiter als ein Dorf, in dem sich die tratschenden Priester untereinander und übereinander das Maul zerrissen und sich Neuigkeiten wie auch Gerüchte lauffeuerartig verbreiteten.

Die Stimme der Gefangenen riss Aurelius aus seinen Gedanken. „Heute ist Lunedi. Ihr solltet nicht arbeiten.“

Aurelius ignorierte sie.

„Wie ist Euer Name, Gottesdiener?“

„Was interessiert Euch das, Hexe?“

„Hexe?“, lachte sie leise auf. „Ihr glaubt ich bin eine Hexe? Wie beleidigend.“

Stumm setzte sich Aurelius auf den Stuhl neben der Tür, rollte ein Pergament auf einem Schreibholz aus und stellte ein kleines Tintenfass in eine vorgearbeitete Einbuchtung auf dem Brett.

„Euer Name?“, fragte er laut und deutlich.
Er glaubte zu wissen, dass er es mit einer Verrückten zu tun hatte.
Zwar war unklar, woher das Blut für die blasphemischen Schriften stammte, doch Aurelius war sich sicher, dass er es mit einem kranken Geist zu tun hatte.
Wieder einmal.

„Verratet mir Euren Namen und ich verrate Euch meinen.“

Seufzend fuhr sich der Priester durch das dunkle, bereits angegraute Haar. Diese Befragung konnte die ganze Nacht dauern.

„Name?“

„So kommen wir nicht weiter, Gottesdiener“, sagte die Gefangene leise und verlagerte ihr Gewicht. Die Ketten klirrten hallend und ließen Aurelius aufsehen.
Klare, blaue Augen blickten ihm entgegen, während ein leichtes Lächeln die schmalen Lippen umspielte.
Die Gefangene war schön, ohne Zweifel das vielleicht hübscheste Mädchen, dem er bisher begegnet war – aber dennoch verrückt.
Zwar hatte er vor vielen, vielen Jahren ein Gelübde abgelegt, doch auch Priester waren nur Menschen, so kam es hin und wieder vor, dass einer aus ihren Reihen einen Fehltritt beging. Ihm selbst war dies bisher noch nie passiert, doch Alter schützt vor Torheit nicht und er ermahnte sich still seinen Blick wieder abzuwenden.

Er hörte sie leise lachen. Leise und spöttisch.
„Lasst uns einen kleinen Handel eingehen, Priester. Ich schwöre Euch, dass ich Eure Seele nicht rauben werde, wenn Ihr mir Euren Namen nennt.“

„Ich verhandle nicht mit Hexen. Oder Verrückten“, erwiderte Aurelius grimmig.

„Schön. Ihr traut mir wohl nicht? Gott beschützt Euch, so denkt Ihr doch. Warum also solche Angst? Fürchtet Ihr, dass er Euch nicht vor mir armen, verrückten Hexe schützen kann? Oder euch nicht schützen will?“

Aurelius fühlte Wut in sich aufkeimen und presste die Lippen aufeinander.

„Verstehe. Also ein feiger Priester ohne Gottesglaube, ohne fides. Verzeiht, seid so freundlich und ruft einen richtigen Priester, ansonsten fühle ich mich in meiner Ehre verletzt.“

„Aurelius.“

„Wie bitte?“

„Marcus Aurelius Fiumicino!“, zischte er. „Das ist mein Name! Padre Aurelius.“

„Ein wirklich schöner Name“, schmunzelte die Gefangene. „Ein Priester, dessen Name dem Kriegsgott Mars geweiht ist?“

„Padre Aurelius ist vollkommen ausreichend. Marcus nennt mich niemand mehr.“

„Ein so schöner Name und Ihr habt ihn einfach abgelegt?“, erwiderte sie. „Noch dazu ein 'goldener Priester' – seid Ihr womöglich ein Nachkomme Marc Aurels?“

Unangenehm berührt errötete Aurelius. „Ja“, gestand er widerwillig, „kein direkter Nachkomme, aber verwandt.“

Die Gefangene nickte zufrieden.
„Mein Name ist Auris“, sagte sie, „wenn es Euch nicht stört, würde ich Euch gern mit Eurem Geburtsnamen ansprechen. Marcus.“

„Es geziemt sich nicht, Auris. Meinen weltlichen Namen habe ich schon lange abgelegt.“

Sie legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. „Eure Eltern gaben Euch diesen wundervollen Namen, Marcus Aurelius Fiumicino. So soll er auch genutzt werden.“

„Nennt mich, wie es Euch beliebt“, brummte Aurelius, der seit Jahrzehnten nicht mehr mit seinem Geburtsnamen angesprochen worden war.
Nur schlechte Erinnerungen verband er mit diesem Namen.
Doch aus Erfahrung im Umgang mit Häretikern und Verrückten wusste er, dass auch er Zugeständnisse machen musste, wenn er ihr Vertrauen gewinnen wollte.

„Also, was wollt Ihr von mir wissen, Marcus?“

„Name, Alter, Geburtsort, Ehegatte oder Tätigkeit und ob Ihr euch zur römisch-katholischen Kirche bekennt“, erwiderte Marcus routiniert. Sein Name hörte und fühlte sich fremd an.

„Mein Name ist Auris und ich bin alt, sehr alt, mein gottesfürchtiger Freund, und mein Geburtsort kann ich nicht benennen, denn er hat keinen Namen in eurer Sprache. Ich würde freveln, wenn ich in den heiligen Stand der Ehe einträte. Mein Beruf? Ach, mal Engel, mal Dämon, mal Mensch, wie es mir beliebt. Und heute, scheinbar eine Hexe.“

„Aha.“
Also doch eine Verrückte.

„Bekennt Ihr Euch zum allmächtigen und alleinigen Gott, zum Schöpfer des Himmels und der Erde, zur heiligen Dreifaltigkeit und...“

„Jaja, ist ja gut!“, unterbrach ihn Auris und gähnte herzhaft. „Ich bekenne mich nicht dazu.“

Marcus nickte zufrieden, bevor er erfasste, was Auris gesagt hatte. „Nicht?“

Sie legte den Kopf schief. „Nein.“

„Ihr solltet Euch dazu bekennen“, sagte Marcus leise, „ansonsten kann ich Euch nicht in die Freiheit entlassen.“

„Das ist mir klar, Marcus. Aber warum reden wir nicht noch ein wenig? Ihr scheint mir ein intelligenter Mann zu sein.“

Marcus schüttelte abwehrend den Kopf, hielt inne und nickte vage. „Wie Ihr wollt. Erzählt mir, wie und warum Ihr derart blasphemisches Gut an die Zellenwände geschmiert habt. Und woher das Blut stammte.“

„Ihr habt doch sicher eine Theorie, Marcus“, schmunzelte Auris und versuchte in eine bequemere Position zu rutschen.
Die Ketten klirrten, einige Sekunden tat sie Marcus leid. Die Ketten mussten schwer sein, an ihrer Haut scheuern, außerdem war es im Verlies kalt. Doch sie hatte sich ihre Situation selbst zuzuschreiben.

„Menstruationsblut“, nickte Marcus ernst und fuhr erschrocken zusammen, als Auris lauthals auflachte.
Ihr Lachen war nicht gehässig, nicht spöttisch, dennoch fühlte Marcus, wie sein Gesicht zu brennen begann.
Lachtränen liefen ihr unkontrolliert die Wange hinab, die Ketten klirrten leise, während Marcus geduldig wartete.
Langsam beruhigte sich die Gefangene wieder.

„Dass Gottesdiener über Humor verfügen, scheint ebenfalls eine Neuerung der Kurie zu sein“, bemerkte Auris spöttisch. „Zu früherer Zeit hätte man mich sofort hingerichtet.“
Marcus senkte den Kopf und biss sich auf die Lippen. „Nicht viel hat sich geändert. Ihr solltet euch zu Gott bekennen. Noch heute!“
Als sie erneut lachte, fragte er sich, ob sie nicht nur verrückt sondern auch lebensmüde war.
„Morgen ist meine Hinrichtung angesetzt, meint Ihr das damit? Verstehe. Nun, ich hoffe, dass sich einiges an Publikum versammeln wird. Oder sind Hinrichtungen auf Geheiß der Kurie mittlerweile so alltäglich geworden, dass sie ohne ein Spectaculum vollstreckt werden?“

Marcus überging die Frage. Er wollte nicht daran denken, wie viel Blut auf Gottes Boden bereits vergossen worden war, wie viele Unschuldige die Mühlen der Kurie bereits zermalmt hatten. „Bekennt Euch zu Gott!“
„Nein“, erwiderte Auris, ohne zu zögern. „Ich fürchte, Marcus, Ihr werdet mich morgen zur Axt des Henkers begleiten müssen. Oder zum Strick. Oder arbeitet Ihr bereits mit Schwarzpulver? Werden Hexen bei euch verbrannt oder ertränkt? Wenn ich ein Mitspracherecht habe, Marcus, dann würde ich gerne den Scheiterhaufen ausprobieren. Wasser ist nicht mein Element und alle anderen Methoden sind nicht...“
„Seid Ihr wirklich derart wahnsinnig?“
„... sie sind mir nicht dramatisch genug. Dramatik wird unterschätzt, mein Freund. Ein guter, dramatischer und, wenn möglich, ein Tod, den man stehend empfängt, ist ein guter Tod.“

Skeptisch betrachtete Marcus Auris Mimik. Er hielt sich selbst für erfahren, für einen Menschenkenner, dennoch sah er keinen Irrsinn in den eisgrauen Augen seines Gegenübers, ebenso wenig wie Todesangst oder -sehnsucht.
Sie war nicht irrsinnig, damit konnte er leben. Sie hatte keine Todesangst; vielleicht glaubte sie an ein Wunder oder spielte auf Zeit, sodass sie sich schlussendlich doch zu Gott bekennen würde.
Was ihn unruhig werden ließ, war das nahezu völlige Fehlen von Emotionen in ihren Augen.
Sie waren kalt.
Wie Eis.
Hier und da blitzte ein spöttischer Funke in ihnen auf; vielleicht auch Neugier, als er den Raum betreten hatte. Doch keine Angst, wie bei jedem anderen, der sich in den Kerkern unter San Pietro wiederfand.
„Warum wollt Ihr sterben?“, fragte Marcus. „Warum bekennt Ihr euch nicht?“
„Wollt Ihr nun doch einen Handel, Gottesdiener?“, erwiderte Auris gelassen. „Ihr stellt mir eine Frage, ich stelle euch eine. Antwortet ehrlich, ich erkenne eine Lüge.“

Vage nickend stimmte Marcus zu, obwohl er das Gefühl hatte, als würde ihn eine böse Vorahnung warnen wollen.
„Stellt eure Frage“, sagte Auris und sah ihm aufmerksam entgegen.

„Wer seid Ihr?“

Sie lächelte.
Amüsiert.
„Auris, wie ich Euch bereits sagte. Verschwendet Eure Fragen nicht derart tölpelhaft, Gottesmann! Jede Frage zieht eine Frage meinerseits nach sich.
Habt Ihr je eine Frau geliebt?“

Marcus wollte ihr entgegenschleudern, dass es sie nichts anginge, dass
es sich nicht ziemte eine derart intime Frage zu stellen, schon gar nicht einem Priester.
Doch er blieb gelassen, mit etwas Derartigem hatte er gerechnet.

„Ja. Woher stammt Ihr?“

„Woher wir alle kommen“, lächelte sie. „Ich bin Gottes Kind, weit ab vom Weg, aber ich bin eines seiner Geschöpfe. Wie war ihr Name?“

„Marisa. Das heißt, Ihr bekennt Euch zu Gott?“

„Nein. Hat sie Euch verlassen?“

„Nein. Wie lautet Euer voller Name?“

Sie lächelte. „Ich erinnere mich nicht. Man nannte mich Auris, schon immer. Sicherlich hatte ich einen Beinamen, aber mit den Jahren habe ich ihn wohl vergessen.“

Prüfend sah er ihr in die Augen, doch nichts, keine Regung in ihrem Gesicht, kein Schatten in ihren Augen verriet, dass sie gelogen hatte.
Doch, wie Marcus wusste, kam es vor, dass ein Mensch nur einen Rufnamen besaß. Vor allem in der unteren Schicht, den Ärmsten der Armen.
Sie war nicht so wohlgenährt wie die Patrizerinnen der oberen Schicht, sondern erbärmlich dünn und erweckte fast den Eindruck am Hungertuch zu nagen.
In den schweren, dicken Eisenketten ging ihre Gestalt fast unter.
Doch ihre Kleidung, der feine Stoff, der moderne Schnitt, ließen Marcus zweifeln.

„Ich lüge nicht, Priester.“

Er nickte. „Stellt Eure Frage!“

„Warum habt Ihr sie verlassen?“

Er seufzte.
Obwohl er diese Frage erwartet hatte, widerstrebte es ihm, darauf zu antworten.
„Sie war schön, wunderschön, Auris. Sie hatte viele Verehrer. Ich war nur ein Junge, jünger als sie, der nie eine Chance bei ihr hatte. Ich habe sie nicht verlassen, genauso wenig wie sie mich. Sie heiratete meinen großen Bruder.“

„Invidia. Die dritte Todsünde. Lass dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes. Das neunte und zehnte Gebot, wenn ich mich nicht irre.“

Marcus nickte, schloss für einen kurzen Moment die Augen und sah das Gesicht eines jungen, hübschen Mädchens zum Greifen nah.
Er schüttelte den Kopf, als sich plötzlich das Gesicht des Mädchens zu einer Fratze aus Angst verzog. Er glaubte den metallischen Geruch von Blut wahrzunehmen.

„Eure Frage, Gottesdiener.“

„Welchem Stand gehört Ihr an?“

„Dem der Gefallenen. Haltet Ihr euch an die Gebote Gottes?“

„Ja. Wie meint Ihr das 'Gefallene'?“

„Wie ich es sagte, ich bin eine Gefallene. Habt Ihr nie an seinem Wort gezweifelt?“

Marcus seufzte und fuhr sich fahrig über die Augen.

„Ihr seht müde aus. Ihr solltet schlafen gehen, Marcus.“

Er schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Ich muss Euch heute noch zum Sprechen bringen, Auris. Und Euch davon überzeugen, dass Ihr Gottes Kind seid. Morgen wird mir dafür keine Möglichkeit mehr bleiben.“

„Ihr sorgt Euch um mich?“

„Ich sorge mich um jedes Seiner Schäfchen.“

„Schäfchen“, wiederholte sie spöttisch. „Ich bin wohl eher der Wolf.“
Bekümmert, fast traurig schaute er sie an. Sie sah nach oben, Marcus' Blick folgte dem ihren zur steinigen Decke.
Als er sie wieder ansah, lächelte sie ihm fast unmerklich entgegen.
„Seine Wege sind unergründlich, Marcus. Geht, schlaft und macht Euch keine Sorgen um mich.“

„Aber...“
Marcus verstummte. Sie wirkte unbekümmert, keinesfalls ängstlich und schien überzeugt von dem, was sie gerade gesagt hatte.
Er erhob sich schwerfällig, rollte übermäßig langsam die Schriftrolle zusammen und blieb zögernd stehen. Noch einmal sah er sie an, wollte sie bitten sich zu bekennen, wollte sie anschreien und schütteln. Doch er wusste, es würde nichts bringen.
Er drehte sich um, öffnete die Tür, doch ihre Stimme ließ ihn innehalten: „Wir sehen uns Morgen, Marcus.“

Er nickte. La gloria di colui che tutto move, per l'universo penetra e risplende.“

Sie lachte leise. In una parte piú e meno altrove.“

Marcus verließ den Raum, ordnete an, niemanden zur Gefangenen zu lassen außer ihm selbst, und entfernte sich fast fluchtartig aus den Kerker des Klerus.
Erst in seiner kleinen Zelle, die er in einem Stift am Vaticano bewohnte, erlaubte er sich durchzuatmen.

Nur mit einem dünnen Unterhemd bekleidet legte er sich auf die harte Pritsche, zog die dünne Decke über sich und starrte in der Dunkelheit gen Decke.
Ihn fröstelte.
Er fand in dieser Nacht keinen Schlaf, seine Gedanken ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.

Seit nunmehr zwanzig Jahren stand Padre Marcus Aurelius Fiumicino im Dienste Gottes; die vergangenen fünf Jahre ausschließlich, um das Böse, das von den niederträchtigsten und widerlichsten Kreaturen aus den Untiefen der Hölle in die irdische Welt getragen wurde, zu bekämpfen.
Schon viel hatte er gesehen, zu viel um leugnen zu können, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab, als der Mensch erfassen konnte.

Er hatte gesehen wie Vampire zu Staub zerfielen, Dämonen aus den Körpern Unschuldiger getrieben wurden und niemals war er auf die Versprechungen und Lügen aus den dreckigen Mäulern der Höllengestalten hereingefallen.
Doch er hatte auch gesehen, wie mancher seiner Ordensbrüder eines qualvollen Todes starb, wie Freunde durch das Gesehene den Verstand verloren und gottesfürchtige Männer dem Glauben und dem Licht den Rücken kehrten und auf dunklen Pfaden wandelten.

Er selbst war sich seines Glaubens sicher, sein Verstand war klar und messerscharf. Vielleicht hatte ihn deshalb der neue Papst Sixtus V. persönlich zu sich beordert, um ihm mitzuteilen, dass er als Nachfolger von Patrick das Gladius Dei, das Schwert Gottes, führen sollte.
Ähnlich wie die Inquisition jagten er und seine Mitbrüder Dämonen, Hexen und andere Gestalten der Nacht, nur dass das Gladius Dei völlig für sich arbeitete und in der Öffentlichkeit nie in Erscheinung trat.
Marcus selbst belächelte die Inquisition nur, die nach Ketzern und vermeintlichen Hexen suchte, um ihnen öffentlichkeitswirksam einen 'Prozess' zu machen.
Primär war die Inquisition ein Instrument zur Bekehrung von Ketzern und Heiden, wohingegen Marcus und seine Brüder gegen die Höllenbrut selbst kämpften.

Padre Patrick sagte einst zu ihm, dass Ketzer und Heiden, mögen sie noch so laut schreien, nur verirrte Menschen seien, abgekommen vom Weg Gottes. Wohingegen sie, die sie über der Inquisition standen, gegen Kreaturen vorgingen, die nie im Licht Gottes gestanden haben oder stehen würden.
Für diese Wesen gab es keine Bekehrung, keine Gnade, nichts konnte ihr unheiliges Dasein rechtfertigen.

Padre Patrick. Gott möge seiner Seele gnädig sein.
Die ständige Nähe zum Bösen, das Grauen und das Leid, das er hatte sehen und selbst ertragen müssen, hatten ihm am Ende seinen Verstand gekostet.
Erst am Tag zuvor hatte Marcus Patrick in seinen Gemächern in einem kleinen Kloster am Fuß des Vaticano besucht.
Natürlich kümmerte sich die Kurie weiterhin um ihre Diener, vor allem um derart tapfere und verdiente Männer wie Padre Patrick. Die Schwestern der Heiligen Barmherzigkeit sorgten für ihn, Tag und Nacht, sie pflegten und fütterten ihn und ließen seinem Wahnsinn freien Lauf.
Er war nicht gefährlich, nicht mehr, seine Gedanken waren vernebelt durch ein Gift, das ihm ein mächtiger Dämon eingepflanzt haben musste.
Wie immer hatte sein ehemaliger Mentor in einer Ecke gesessen, apathisch, als wäre er in seiner eigenen Gedankenwelt verloren.
Marcus hatte versucht mit ihm zu sprechen, wie immer, doch wie bei den Besuchen zuvor hatte Patrick ihn nicht beachtet.
Vielleicht hatte er ihn überhaupt nicht bemerkt.
Es schien, als wäre sein Geist aus seinem Körper verschwunden und eine seelenlose, sabbernde Hülle zurück gelassen.

Seine brüderliche Pflicht verbot es Marcus seinen Mentor zu meiden, auch wenn er sich, wie er sich nur leise selbst gestand, vor den Besuchen ängstigte und ekelte.

Fröstelnd zog er die Decke enger um sich und schloss die Augen.
Er versank in seinen Erinnerungen, lächelte vage, als er an die Zeit dachte, in der er mit Padre Patrick im Namen der Kurie die Welt bereist hatte.
Damals, als sie den Ring fanden, waren sie nach Sardenya gekommen, um einige alte Schriftrolle abzuholen. Die Missionare und Priester vor Ort hatten sie in einer Nuraghe, einer prähistorischen Turmbaute, gefunden und die geistlichen Oberen verständigt.
Nur durch Zufall waren die Arbeiter an diesem Tag auf eine geheime Kammer inmitten jener Nuraghe gestoßen, bei dessen Öffnung sowohl Patrick als auch Marcus, anwesend waren.

Die einheimischen Arbeiter hatten die Steine, schwere grobe Blöcke, zur Seite geschafft und einen Hohlraum freigelegt, in der sich weitere Schriftrollen und Berge von Edelsteinen und Waffen befunden hatten.
Dabei wurde auch ein Skelett freigelegt, das zur Überraschung aller eine Soutane trug.
Es saß auf einem großen Steinquader gegen die Wand gelehnt und hatte ihnen wissend, vielleicht auch froh über seine Entdeckung, entgegengegrinst, während es mit einer knochigen Hand weiterhin die Kette umklammert hielt.

Die Einheimischen, meistens heidnische Kreaturen mit dem festen Glauben an alte Götter, waren angstvoll aus der Kammer geflüchtet, als Marcus dem Skelett die letzten Sakramente gab und die Kette an sich nahm.
„Als würde er über etwas wachen“, hatte er geflüstert, während Patrick bereits angefangen hatte die Fundstücke aufzulisten.
Patrick hatte nichts erwidert, zu beeindruckt war er von dem Schatz an Wissen und Kunstfertigkeit, der ihnen in der kleinen, heidnischen Nuraghe in die Hände gefallen war.
Erst später hatte sich herausgestellt, dass ein Teil der Schriftrollen unbeschrieben war, indes der andere Teil nur Abschriften von Ovids „Amores“, „Ars Amatoria“ und anderen seiner Werke enthielt sowie Homers Epos um die Odyssee und Dantes „Commedia Divina“.

Marcus jedoch hatte nur Augen für den Ring, diesen kleinen kunstvoll verzierten Ring, den der namenlose Priester im Moment seines Todes umklammert gehalten hatte.
Wem auch immer der Ring gehört haben mochte, zusammen mit den Schriftrollen ruhte er nun gut bewacht und sicher in der päpstlichen Schatzkammer der Engelsburg.

Marcus seufzte und stand auf, sobald er die Schritte seiner Brüder auf den steinernen Fluren widerhallen hörte.
Natürlich hatte er keinen Schlaf gefunden, wie so oft in den Nächten vor einer angesetzten Hinrichtung.

Als er nach Auris sehen wollte, noch vor dem Morgengrauen, wunderte es ihn nicht, dass große Aufregung herrschte, als er San Pietro betrat.
„Was ist passiert, Bruder?“, fragte er einen älteren Priester, der etwas abseits der tuschelnden und tratschenden Priesterschaft stand.
„Die Schweizer Gardisten wurden schwer verletzt aufgefunden. Unsere wachenden Brüder sehen aus, als hätten sie den Teufel gesehen und sprechen kein Wort. Und… die Gefangene ist verschwunden.“

Ein kalter Schauer jagte seinen Rücken hinab, panisch drehte Marcus sich um und suchte den Platz mit seinen Blicken ab.
Ihm war, als hätte er jemanden in seiner Nähe spöttisch und leise lachen hören.


Der eine wartet, daß die Zeit sich wandelt,
der andere packt sie kräftig an und handelt.

Dante Alighieri, (1265 - 1321), italienischer Dichter


"Contrapasso", sowie Figuren und Handlungsorte, sind alleiniges, geistiges Eigentum des Autors, der hier unter dem Psyeudonym 'Noctifer' agiert. Vervielfältigungen und Verbreitung sind untersagt.
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