noctifer ([personal profile] noctifer) wrote2009-05-13 11:36 am
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Limbus - Vergil

Prolog - Dante


Die Sonne war seit Stunden hinter dem Horizont verschwunden, die Kälte der Nacht hatte den Vaticano fest im Griff.
Erst jetzt erlaubte sich Marcus das Castello San Angelo zu verlassen.
In den frühen Morgenstunden hatte er stundenlang in der Zelle in den Kerkern des San Pietro gestanden, hatte jeden Millimeter abgesucht, um einen Hinweis darauf zu finden, wie Auris sich hatte befreien können.
Nichts.
Noch immer waren seine beiden Brüder, Padre Benedikt und dessen Novize, nicht bereit auch nur ein Wort zu sagen. Noch immer schwebten die Schweizer Gardisten in Lebensgefahr.
Den ganzen Tag hatten Priester, Gardisten, Bewohner der umliegenden Häuser, sogar Gäste der Kurie und einfache Bauern aus den umliegenden Dörfern nach der entflohenen Gefangenen gesucht.
Ohne Erfolg.
Marcus selbst hatte sich vor der Kurie rechtfertigen, Fragen beantworten und seine Notizen vorlegen müssen.
Natürlich hatte ihn keiner im Verdacht, etwas mit der Flucht der Gefangenen zu tun zu haben, zumal einige Wachposten und Gardisten bestätigen konnten, ihn gesehen zu haben, wie er alleine die Zelle verließ. Doch die zutiefst erschrockenen Würdenträger wollten wissen, wie es Auris gelungen war, aus dem als ausbruchssicher geltenden Kerker des Klerus zu fliehen.

Marcus selbst ließ alle Fragen über sich ergehen und antwortete ehrlich.
Die Frage, ob er glaube, sie sei eine Hexe gewesen, verneinte er; ebenso die Frage, ob sie nur eine Verrückte sei.

„Was glaubt Ihr, Bruder Marcus, ist sie für ein Wesen?“, hatte man ihn gefragt.
Doch auf diese Frage hatte er keine Antwort, fand er keine Antwort, weder für die Kurie, noch für sich.

Langsam ging er über den Piazza San Pietro, grüßte entgegenkommende Mitbrüder müde und hing seinen Gedanken nach.
Egal wie er es drehte und wendete, sie hätte sich ohne Hilfe nicht von den mehrfach gesicherten Ketten befreien können. Marcus zog kurz in Erwägung, dass einer der Gardisten oder der Novize von Bruder Benedikt, dessen Namen er schon wieder vergessen hatte, sie hätte befreien können. Bruder Benedikt selbst war erfahren genug, um zu wissen, dass man sich Wesen, die sich in dem Kerker der Kurie befanden nicht näherte, mögen sie auch noch so harmlos aussehen.

Er erinnerte sich an einige Vorfälle der letzten fünf Jahre, die alle unter die außerordentliche Schweigepflicht des Gladius Dei fielen.
Außerordentliche Schweigepflicht war dem Beichtgeheimnis ähnlich. Der einzige Unterschied war, dass all jene, die das Beichgeheimnis brachen, nur exkommuniziert wurden, während ein Verstoß gegen die außerordentliche Schweigepflicht unweigerlich eine Hinrichtung nach sich zog.

Einige dieser Vorfälle, wie die Katastrophen unterhalb der päpstlichen Gemäuer genannt wurden, hatte Marcus selbst miterlebt, andere drangen nur  gerüchteweise an sein Ohr.
Einer seiner Vorgänger, Ennio, hatte sich innerhalb dieser Mauern von einem Succubus in Weibesgestalt verführen lassen.
Die Priester hatten ihn nackt, selig lächelnd und tot in der Zelle des Succubus gefunden.
Der Dämon selbst saß in Gestalt einer jungen Frau über ihn gebeugt, lachte dreckig und vollführte vulgäre Bewegungen und Handlungen am Körper des toten Bruders.
Patrick war es, der diesen Succubus mit Hilfe seiner Brüder und den heiligen Insignien vernichtet hatte.

Ilia, ein griechischer Bruder, nahm Ennios Platz als einer der leitenden Padres des Gladius Dei ein, doch auch ihn widerfuhr ein grauenhaftes Schicksal.
Von der Kurie als Verstärkung für die Inquisition nach Spanien entsandt, wurde er während eines nächtlichen Einsatzes in einem abgelegenen Dorf im Norden des Landes von einem Gestaltwandler zerfleischt, dem die Inquisition bereits Monate auf der Spur war.
In der selben Nacht wurde der wölfische Wandler von dem Novizen Ilias zur Strecke gebracht. Seine Rachegelüste hatte ihm Kraft gegeben, um den Tod seines Mentors zu vergelten, doch nicht genug Kraft, um selbst zu überleben.
Das Gesehene hatte den jungen Novizen tief erschüttert. Er gab sich und der Kurie die Schuld, tobte und schrie, so dass er zwangsbeurlaubt werden musste und in seine Heimat zurück geschickt wurde. Einige Wochen nach den Vorfällen in Spanien fand man den Jungen erhängt in der Kirche seines Heimatdorfes. Selbstmord, Zweifel an der Gnade Gottes. Was für eine Ironie, eine unverzeihliche Sünde auf geheiligtem Boden zu begehen und diesen damit zu entweihen.

Einem Vampir war es einst gelungen sich als Gottesmann auf den Vaticano einzuschmuggen. Er tötete mehrere Priester, bevor die Kurie ihn stoppen konnte.

Dämonen, meist dumme, instinkgeleitete Kreaturen, hatten nicht weniger Unglück verbreitet. Sie fuhren in die Gestalt unschuldiger Kinder, ergriffen Besitz von ihnen und töteten ihren Wirt, sobald die Kraft des Kindes aufgebraucht war.
Manch ein Dämon leitete Wanderer fehl und erschreckte einfache Gemüter zu Tode. Noch immer waren nicht alle Tricks dieser hinterhältigen Höllenkreaturen katalogisiert, geschweige denn bekannt, doch besaß die Kurie mittlerweile umfangreiches Material über die Dämonenbrut.

In der Bibliothek des Castello San Angelo, deren Pforte nur selten geöffnet wurde und nur für die obersten Würdenträger sowie die Priester des Gladius Dei, hatte Marcus den restlichen Tag auf der Suche nach Spuren verbracht. Spuren, die ihm verrieten, womit er es tatsächlich zu tun hatte.
Natürlich kannte er die Offenbarung des Johannes und den Höllensturz, doch Marcus schlug sich diese Möglichkeit sofort aus dem Kopf.
Gefallene Engel waren Dämonen, die nicht im irdischen Reich existieren konnten, so hieß es in alten Schriften.
Satan, Luzifer, wie man den Teufel auch nannte, hatte keinen Zutritt zu den weltlichen Sphären, ebenso wenig wie seine dunklen Brüder und Schwestern.
Geschlagen musste er sich eingestehen nicht zu wissen, womit er es zu tun gehabt hatte. Wie Auris selbst gesagt hatte, war sie keine Hexe. Marcus glaubte nicht, dass sie gelogen hatte. Er hatte schon mit wahren Hexen gesprochen, die allesamt stolz auf ihre magischen Fähigkeiten waren. Einige waren nichts anderes als einfache Kräuterfrauen und stimmten einem Lippenbekenntnis zu. Andere endeten auf dem Scheiterhaufen, der jedoch nur selten Wirkung zeigte. Einige Hexen hatte er nach einer missglückten Verbrennung zum Henker begleiten müssen.

Jäh glaubte er, der Geruch verbrannten Fleisches hinge in der Luft. Er beschleunigte seine Schritte und versuchte an etwas anderes zu denken als an diejenigen, die er auf dem letzten irdischen Weg begleitet hatte, jene, denen er die letzte Ölung hatte geben müssen.

Marcus blieb stehen, hielt den Atem an und lauschte. Ihm war, als hätte er Schritte hinter sich gehört, doch als er sich langsam umdrehte, sah er – nichts.
Er hörte seinen eigenen Herzschlag und seinen eigenen Atem; in der Nähe raschelten Blätter im Wind und in der Ferne sangen einige Betrunkene.
Sonst nichts.

Langsam ging er weiter. Doch nach einigen Sekunden hörte er erneut Schritte hinter sich. Langsam, gemächlich, nicht daran interessiert sich zu verstecken.
Er blieb stehen, zählte in Gedanken bis Fünf und drehte sich um.
Nichts.

„Verdammt“, zischte er, schalt sich selbst für seine Bemerkung und biss sich als Strafe hart auf die Zunge.

Gerade wollte er seinen Weg fortsetzen, da hörte er hinter sich, wie jemand leise und spöttisch lachte.
„Drittes Gebot, du sollst nicht Fluchen!“
Plötzlich durchfuhr Marcus ein stechender Schmerz, die Welt explodierte in Farben, bevor er das Bewusstsein verlor.



Marcus erwachte in völliger Dunkelheit.
Panisch sah er sich um. Doch weder Sterne noch der Mond erhellten die eisige Nacht. Mühsam erhob er sich, spürte überrascht feuchtes Gras, über das er mit flacher Hand hinwegstrich.
Er lauschte. Doch weder das Rascheln der Blätter noch die leisen Geräusche der Nacht drangen an sein Ohr.
Er erhob sich. Kein Windhauch streifte sein Gesicht. Doch drang eisige Kälte durch seine Soutane und ließ ihn frösteln.

„Salve“, sagte er in die Dunkelheit und erschauderte, als ihm nicht einmal ein Echo auf seinen vorsichtigen Gruß antwortete.
Einige Sekunden blieb Marcus stehen, konzentrierte sich und versuchte sich selbst gut zuzureden, bevor er zögerlich einen Fuß vor den anderen setzte.
Nach nur wenigen Schritten ließ ihn ein Geräusch erstarren: ein ihm wohlbekanntes, leises Lachen.

Nel mezzo del cammin di nostra vita,
mi trovai per una selva oscura,
che la diritta via era smarrita.“ (1)

Marcus ermahnte sich zur Ruhe, doch er schaffte es nicht seine Stimme zu beherrschen.
„Ihr irrt Euch, Auris. Ich bin nicht vom rechten Wege abgekommen. Gott führt mich.“

„Hier werdet Ihr Gott nicht finden, Marcus. Diesen Platz hat er schon lange verlassen“, erwiderte sie aus der Dunkelheit.

Seine Stimme zitterte. „Ich trage sein Licht in meinem Herzen, mein Glaube ist stark und gerecht.“

„Langweilt mich nicht, Gottesanbeter“, erwiderte sie spöttisch, „ich hab Eure Worte tausend Mal gehört, aus tausend anderen Mündern, in tausend Sprachen.“

Er war ihr hilflos ausgeliefert. Marcus Gedanken drehten sich im Kreis. Er versuchte das Gehörte zu verstehen, doch er konnte nicht fassen, was er aus ihren Worten schloß.

„Was seid Ihr?“, wisperte er in die Dunkelheit und hoffte gleichzeitig keine Antwort zu erhalten.

„Auris, Marcus. Für Euch Auris. Oder Vergil. Wie es Euch beliebt.“

Die Dunkelheit lichtete sich. Aus einer undefinierbaren Richtung wurde die für Marcus unheimliche Szenerie in fades Licht, das ihn an Mondschein erinnerte, getaucht.
Vor ihm stand die geflohene Gefangene in der schwarzen Kleidung eines Priesters, einer Soutane, und sah ihn herausfordernd an.  
Auffällig griff sie sich an das Kollar, den weißen, ringförmigen Kragen, der die Zugehörigkeit zum Klerus zeigte. „Bekommt Ihr von euren Würdenträgern innerhalb des Vaticano eine passende Kette oder ist diese Kalkleiste nur ein Symbol für Eure Knechtschaft?“
Ärgerlich presste Marcus die Lippen aufeinander. Es war reine Provokation, das Priestergewand und das Kollar, das sie trug, das wusste Marcus. Er versuchte seine Wut hinunterzuschlucken.

„Sehr gut, Gottesdiener. Ihr scheint Euch unter Kontrolle zu haben. Dann wird das ganze nicht allzu schwer für Euch.“
Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem schmalen Lächeln, dem Marcus keinerlei Fröhlichkeit abgewinnen konnte.

„Was?“, fragte er angespannt, „habt Ihr vor, Hexe?“

„Ich bin keine Hexe, Marcus“, erwiderte sie und hob tadelnd den Finger. „Ich hatte Euch schon gesagt, dass ich keine Hexe bin. Merkt es Euch, denn immer, wenn Ihr mich zur Hexe degradiert, beleidigt Ihr mich. Außerdem habe ich gar nichts vor.“

„Was wollt Ihr dann von mir? Warum bin ich hier?“

„Ich begleite Euch ein Stück Eures Weges.“

Marcus stockte und sah sich um. Ein dunkler, nebliger Wald erstreckte sich hinter ihm. Gespenstisch still und friedlich, rief er in Marcus ein flaues Gefühl hervor, als würde er vor einem schlafenden Löwen stehen, der jeden Moment erwachen könnte.  
„Welches Weges?“, fragte er.

Erneut lächelte sie schmal und Marcus erkannte, dass es tatsächlich kein fröhliches, aufmunterndes Lächeln darstellen sollte. Das einzige Wort, das ihm einfiel, um es zu bezeichnen, war grausam.
„Ihr seid tot, Gottesdiener.“

Kalte Angst verwandelte das Blut in seinen Adern in Eis. Marcus fühlte ein hysterisches Lachen in seiner Kehle aufsteigen.
„Ich bin nicht tot“, lachte er. „Ihr habt mich verschleppt! Ja, so ist es! Hexe! Teufelshure! Ihr habt mich verschleppt und wollt mir nur Angst einjagen!“
Er trat ein paar Schritte zurück, sah sich hektisch um und schrie Auris an: „Irgendwo gibt es einen Ausweg!“
Ohne nachzudenken, lief er los, hinein in die Dunkelheit des Waldes. Er spürte, dass sie ihm nicht folgte und irgendetwas sagte ihm, dass sie das auch gar nicht brauchte.

Fast blind lief er durch das Gestrüpp. Zweige peitschten in sein Gesicht. Er spürte wie sie schmale Wunder in seine Haut rissen, doch es war ihm egal.
Tränen brannten in seinen Augen; er kämpfte verbissen gegen sie an. Er erlaubte sich diese Schwäche nicht. Er musste weiterlaufen, weg von Auris, dieser Ausgeburt der Hölle.

Keuchend blieb er stehen. Seine Lungen brannten, seine Beine schmerzten, ihm war schwindlig und übel. Er wusste nicht wie lange und wie weit er gelaufen war und tappte langsam weiter durch das Dickicht, bis er kurz vor einer kleinen Lichtung stehen blieb. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Ihr benehmt Euch wie ein Idiot“, seufzte Auris. „Dem Tod kann man nicht entrinnen. Egal wie weit Ihr lauft, egal wie schnell.“

Marcus schrie auf und stürzte aus dem Gebüsch auf Auris zu. Blanker Hass brannte in ihm. Er war sich sicher, dass es ein Werk der Teufelshure sein musste, dass sie ihn gefangen hielt. Es würde nur einen Weg heraus aus dieser Hölle geben – über ihre Leiche.
Einige Sekunden glaubte Marcus, die Zeit stehe still. Er sah Auris, wie sie langsam den Arm hob, ihren Zeigefinger mit dem spitz zulaufenden Fingernagel an den Daumen legte und, als wolle sie Insekt entfernen, in seine Richtung schnippte.
Augenblicklich wurde Marcus von den Beinen gerissen und rücklings auf den Boden geschleudert.
Benommen blieb er liegen, ein stechender Schmerz am Hinterkopf trieb ihm letztendlich doch Tränen in die Augen. Vorsichtig tastete er die schmerzende Stelle ab. Blut klebte an seinen Fingern.
Er lachte laut und schrill auf. Sein Lachen klang sogar in seinen Ohren wie das eines Wahnsinnigen.
Wie verrückt lachte er, ignoriert die Schmerzen, Auris vages Kopfschütteln und hörte erst auf, als er krampfartig zu Husten begann.
„Ich bin nicht tot!“, spie er Auris entgegen. „Ich blute! Verdammtes Dreckstück! Ich blute!“

„Hütet Eure lästerliche Zunge, Gottesmann“, raunte sie, „oder ich sehe mich gezwungen sie Euch herauszureißen.“

Er rappelte sich auf und überlegte kurzzeitig, sie erneut anzugreifen.
„Unterlasst es! Ihr habt keine Chance gegen mich. Natürlich blutet Ihr, wer hat behauptet Tote bluten nicht? Vermutlich ein Sterblicher. Um Eure Vorstellungskraft von paradisischen Zuständen beneide ich Euch. Lasst uns gehen! Im Gegensatz zu Euch bleibt mir die Ewigkeit, doch Ihr langweilt mich. Ich habe Besseres zu tun, als Sterbliche in die Hölle zu begleiten.“

„In die Hölle“, keuchte Marcus nah am Wahnsinn. Wie ein in die Ecke gedrängtes Tier suchte er einen Ausweg, doch etwas sagte ihm, eine leise, schadenfrohe Stimme in seinem Innersten, dass es diesen nicht gab.

Sie nickte. „In die Hölle. Muss ich denn alles wiederholen? Seid Ihr schwer von Begriff? Sterbliche sind allgemein etwas zurückgeblieben.“
Marcus öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Auris befahl ihm mit einer herrischen Geste zu schweigen.
„Haltet besser den Mund, Marcus! Glaubt was Ihr wollt, aber dieses unterbelichtete Verhalten liegt in eurer Natur. Das habt ihr mir oft genug bewiesen.
Euer Verstand ist beschränkt, ihr glaubt nur das, was ihr seht. Für alles muss es eine Erklärung geben. Es gibt nur gut oder böse, schwarz oder weiß. Sogar die Kurie schickt Priester wie Euch aus, um Übernatürliches zu vernichten, ohne zu fragen, ob diese Wesen nicht ebenso eine Existenzberechtigung haben, wie ihr auch. Was ihr nicht kennt, fürchtet ihr. Was ihr fürchtet, wollt ihr zerstören. Wundert euch nicht, dass euch diese Wesen hassen. Ihr habt begonnen, sie zu jagen, ihr ward es, die anfingen sie zu töten.
Hexen, die euch heilen könnten. Vampire, die ebenso erdgebunden sind wie ihr, intelligente Wesen, euch näher als jede andere magische Rasse. Werwölfe, Gestaltwandler, die magisches Blut in sich tragen und sonst nicht von euch zu unterscheiden sind. Ihr seid es, die die eigenen Brüder und Schwestern töten, nur weil sie anders sind. Anders, was bei euch mit böse gleichzusetzen ist.
Und Ihr, Marcus, wollt mir sagen, dass Eure Rasse keine Scheuklappen, keinen eingeschränkten Verstand besitzt?“

Betroffen schwieg Marcus. Es stimmte, noch nie hatte er eine Hexe als Mensch gesehen, obwohl sie nichts weiter waren als Menschen mit magischen Kräften. Vampire und Werwölfe waren für ihn Monster, doch er hatte schon gesehen wie sich Gestaltwandler für ihre Kinder opferten, wie sich mutige Vampire den Jägern alleine in den Weg stellten, damit ihre Familie fliehen konnten.
Schuldgefühle nagten an ihm. Hätte er nicht blind gehorchen, sondern selbst denken sollen?
Er hielt sich selbst für intelligent, für einen Gelehrten.
Unwirsch schüttelte er den Kopf.
Nein, dieses Teufelsweib verdrehte die Tatsachen.
Hexen vergifteten Brunnen, raubten Kinder und trieben mit dem Teufel selbst Unzucht. Gestaltwandler waren wilde Tiere, die Kindern und Frauen auflauerten, sie rissen und auffraßen.
Vampire waren wider Gottes Gesetze, sie lebten, indem sie Unschuldige ihres Blutes beraubten und sie töten.

„Haltet den Mund“, zischte er aufgebracht. „Ihr werdet mich nicht verführen! Hure! In meinem Herzen brennt das Licht Gottes, er wird nicht zulassen, dass Eure Lügen meinen Geist vergiften!“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wie Ihr meint. Langsam wird es Zeit, folgt mir!“

„Nein!“

„Marcus“, sie seufzte und fasste sich an die Nasenwurzel, „macht mich nicht wütend. Ihr würdet es nicht mögen, wenn ich wütend werde, glaubt mir. Das hat selten jemand heil überstanden. Entweder Ihr folgt mir jetzt oder ich werde Euch auf nicht allzu himmlische Art und Weise zwingen mir zu folgen. Verstanden?“

Sie wartete keine Antwort ab, sondern drehte ihm den Rücken zu und ging die Lichtung hinunter auf einen kleinen Berg zu, besser auf einen Höhleneingang, den Marcus erst bei genauerem Hinsehen bemerkte.
Kurz überlegte er Auris von hinten anzugreifen, doch entschied er sich dagegen. Was für ein Wesen sie auch immer sein mochte, ihre kurze Machtdemonstration hatte Spuren hinterlassen.
Noch einmal sah er auf das mittlerweile halb getrocknete Blut an seinen Fingern und fuhr mit dem Daumen darüber.
Noch lebte er, da war er sich sicher, egal was Auris gesagt hatte.
Und vielleicht, mit Gottes Beistand, würde er überleben. Sein Glaube war stark, er hatte keine Zweifel.

„Endlich. Ich habe die Ewigkeit Zeit, Gottesanbeter, doch sie damit vertrödeln auf dich zu warten, gehört nicht zu meinen Plänen“, murrte sie, als er die Höhle betrat.
Marcus hörte sie nicht, zu sehr war er gefesselt von dem Anblick, der sich ihm bot.
Vor seinen Füßen lag in rotes Licht getaucht ein Theater, gleich einem Amphitheater, dessen Ruinen in der Ewigen Stadt der Zeit trotzten.
Trichterförmig erstreckte es sich in die Erde, Nebelschwaden machten es ihm unmöglich bis zum Endpunkt hinunter zu sehen und auf jeder Ebene, die er eigentlich klar hätte sehen müssen, bemerkte er nur sich bewegende, dunkle Schatten.

Per me si va ne la Città Dolente, per me si va ne L'etterno Dolore, per me si va tra Perduta Gente(2), zitierte Auris.
„Lasst jede Hoffnung zurück, die ihr mich durchschreitet“, ergänzte Marcus leise und schüttelte den Kopf. „Aber das kann nicht sein! Das ist unmöglich!“
„Wer sagt das, Marcus? Was macht Euch so sicher, dass Dante nicht dort stand, wo Ihr jetzt steht und hier die Inspiration für diese Verse bekam?“
„Weil es...  Fantasterei ist. Fiktion! Es kann nicht sein, es ist unmöglich!“
„Sterbliche!“, erwiderte sie verächtlich. „Wie ich bereits sagte, euer Verstand ist eingeschränkt. Begreift, dass dies real ist, Priester, oder werdet wahnsinnig. Es ist mir einerlei.“

Plötzlich hörte Marcus Stimmen. Sie schienen von überall auf ihn einzuwirken, tausende, nein – abermillionen Stimmen! Es war, als erklangen sie direkt in seinem Kopf, in seinen Gedanken und erzählten ihm traurig von dem Leid und dem Elend, das auf ihn wartete.
Immer lauter wurden die Stimmen, drängender, warnender, bis hin zu einem ohrenbetäubenden Crescendo, das Marcus zurücktaumeln ließ.
Er wollte schreien, weglaufen, sich in den Abgrund stürzten. Er glaubte den Verstand zu verlieren.

Auris rümpfte die Nase, hob den Arm und zischte etwas, was Marcus nicht verstand. Sofort verstummten die Stimmen.
„Seid beruhigt, Gottesmann. Solange ich bei Euch bin, wird Euch nichts geschehen.“
Das Klagen war nun nicht mehr als ein ängstliches Flüstern, leise wie ein Windhauch, unbestimmt und unartikuliert.
Ungläubig schüttelte Marcus den Kopf, woraufhin Auris mit den Schultern zuckte. „Sie können Euch nichts anhaben. Nicht körperlich. Passt nur auf, dass Ihr nicht wahnsinnig werdet.“
Sie zeigte auf in Stein gehauene Stufen, die hinab zu eine Art Hof führten, den dunkle Schatten dicht an dicht bevölkerten wie ein schwarzer Nebel.
Dunkel erinnerte sich Marcus, dass dies der Vorplatz der Hölle sein musste, dass hier Seelen, die weder gut noch böse waren, bis zum jüngsten Gericht von Ungeziefer gepeinigt wurden.
Er erschauderte.
„Ihr habt doch keine Angst vor ein paar Kakerlaken?“, spottete Auris, drehte sich um und ging auf die Stufen zu.
Zögerlich folgte Marcus ihr.
Schon nach den ersten Stufen bereute er seine Entscheidung.
Die Seelen der hier Gefangenen stürzten sich förmlich auf ihn, umkreisten ihn, flüsterten in ihm unbekannten Sprachen auf ihn ein.
Sie machten ihm Angst, ließen ihn zittern, doch er zwang sich sie zu ignorieren und beeilte sich Auris nicht aus den Augen zu verlieren.
Immer, wenn sein Fuß aufsetzte, spürte er einen Widerstand unter seinen Leinenschuhen, spürte durch den Stoff hindurch halbrunde Wesen, die sich unter seinen Füssen bewegten. Sein Gewicht zerquetschte, was unter seinen Füßen war, mit einem leisen Knacksen. Sobald er den Fuß hob, wurde diese Bewegung von einem widerlichen Schmatzen begleitet, das ihn würgen ließ.
Schon bald waren seine Leinenschuhe durchnässt, doch Marcus zwang sich, nicht nach unten zu sehen. Er heftete seinen Blick auf Auris Rücken, die zielstrebig durch den grauen Nebel ging, die Geräusche ignorierte und sich nicht zu Marcus umdrehte.

Plötzlich hielt sie inne und bedeutete auch ihm stehen zu bleiben.
Vor ihm erstreckte sich ein Fluß, der ihm unwirklich dunkel erschien. Weder seine Quelle noch seine Mündung waren zu sehen, nicht einmal das andere Ufer konnte er in dem trüben Licht und dem allgegenwärtigen Nebel erkennen.
Doch er hörte, wie der Strom sich donnernd an der Kante zu dem Trichter brach und rauschend in die Tiefe stürzte.  
Es stank elendig, so dass ihm übel wurde. Sein Magen zog sich krampfartig zusammen, er würgte einige Male trocken, aber behielt mit immenser Anstrengung die Kontrolle.
Mit einem Ärmel bedeckte er Mund und Nase, hoffte, dass der elendige Gestank, der ihn an faule Eier erinnerte, so erträglicher wurde.

„Wohin gehen wir? Ihr wollt mich doch nicht wirklich in die Hölle führen?“, würgte Marcus hervor.
„Warum nicht? Wäre Euch der Vorplatz lieber, mein Freund?“ Sie zeigte zurück zum dunklen Nebel, der sich von Auris fernzuhalten schien. Doch er glaubte zu spüren, wie unzählige Blick auf ihm lagen. Lauernd. Wartend.
„Dort sind jene gefangen, die man die Gleichgültigen, die Hoffnungslosen, nennt. Darunter manch Dämonenbrut, die von Euch und Euresgleichen in die Hölle zurück geschleudert wurden und nun darauf warten eingelassen zu werden“, führte sie weiter aus, während sie angestrengt den Nebel mit ihrem Blick absuchte.
„Dort“, sagte sie und zeigte in die wabernde Masse, aus der sich langsam eine Gestalt heraus kristallisierte.

Ein längliches Boot, dessen Holz eben so dunkel war wie der Fluss, trieb auf sie zu. Mit einem langen Stock, der scheinbar als Lenkung diente, stand ein alter, weißhaariger Mann am Heck der Fähre.
Als er näher kam, sah Marcus, dass der Greis blind sein musste: In den weißen Augäpfel im fahlen, ausgemergelten Gesicht des Bootsführers fanden sich weder Iris noch Pupille.
„Ein blinder Fährmann?“, fragte Marcus Auris leise, die daraufhin den Kopf schüttelte. „Er sieht, was er sehen muss.“

„Charon!“, rief sie laut hinüber, woraufhin der Greis ruckartig den Kopf hob und eine Grimasse zog. Marcus begriff, dass der Fährmann zu lächeln versuchte.

Das Boot setzte auf, der Fährmann, den seine Führerin Charon genannt hatte, verneigte sich leicht vor ihr.
„Auris“, sagte er mit rauer Stimme. „Willkommen zu Hause. Wie lang ist es her, dass ich dich als meinen Gast begrüßen durfte?“

„Fast tausend Jahre, mein Freund“, erwiderte Auris und sah zu Marcus, der noch immer mit seinem Würgereiz kämpfte.

„Zu Hause“, flüsterte er gepresst und schüttelte den Kopf.
Konnte es sein, dass sie wirklich etwas war, was völlig unmöglich war?
Eine Gefallene?
Einer jener Engel, die gegen Gott aufbegehrten und verstoßen wurden?

„Wen hast du mitgebracht, meine Schöne?“, fragte der Fährmann, zog den langen, algenbehangenen Stock aus dem Wasser und stupste damit Marcus an.
„Oh, aber er...“
„Schon gut, Charon“, unterbrach sie ihn. „Er ist mein Gast.“
„Du weißt, ich darf ihm keinen Zugang gewähren.“
„Charon“, lächelte sie und trat auf das Boot, um seine knochige Hand zu nehmen und sich auf die Wange zu legen, während sie die andere Hand, die den Stock umklammert hielt, vertraut umfasste.
„Du bist der Herr über Acheron. Der Fährmann. Allein du entscheidest, wer hinüber gehen darf und wer hierbleiben muss.“
Mit seinem dürren, spitzzulaufenden Daumen strich er ihr fast liebevoll über die Wange, zog erneut eine Grimasse und nickte vage.
Sie drehte sich um, nickte und bedeutete Marcus auf die Fähre zu steigen.
Er hörte hinter sich die gefangenen Seelen heulen und in verzweifelter Wut schreien, als er das Boot betrat.
„Beachte sie nicht“, sagte Charon schroff. „Neidisch sind sie, Sterblicher, dass Ihr einen Schritt geht, der ihnen verwehrt bleibt. Doch Auris, so kann ich ihn nicht hinüber bringen.“
Sie nickte. „Es ist deine Pflicht, mein Freund.“
Plötzlich spürte Marcus eine Hand auf seiner Stirn und blickte direkt in die weißen Augen des Fährmannes, dessen Gesicht sich zu einer hässlichen Fratze verzogen hatte.
Marcus wollte schreien, doch sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, kein Laut entwich seiner Kehle.
Charon flüsterte etwas, das Marcus nicht verstand.
Er taumelte und fiel.
Noch bevor er auf dem Holzboden der Fähre aufschlug, lag sein Bewusstsein im Dunkeln.


Doch wer bist du, der zu Gericht willst sitzen zum Urteilsspruch auf tausend Meilen Weite, mit einem Blick so kurz wie eine Spanne.
Dante Alighieri, (1265 - 1321), italienischer Dichte
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