[personal profile] noctifer
Prolog - Dante
Limbus - Vergil


Sein Kopf schmerzte, als er erwachte.
Marcus öffnete die Augen einen Spalt breit, sein verschwommener Blick fiel auf ein engelsgleiches Gesicht, das über ihm zu schweben schien.
Wache, blaue Augen sahen auf ihn herab, eine dunkle Haarsträhne kitzelte seine Nase.
Benommen von seiner Ohnmacht hob er die Hand, berührte die helle, weiche Haut, strich über der Fremden über die Wange und den schmalen Mund.
Irritiert fragte er sich, ob er sein Gelübte letzte Nacht gebrochen hatte.
Er dachte an eine Schrift Leonardos, die er während seiner Zeit als neugieriger Novize gelesen hatte. Dieser hatte geschrieben, dass absolute Schönheit, der Inbegriff der Perfektion, wider der Natur wäre.
Selig lächelte Marcus. Leonardo war ein Dummkopf.

Die Frau lächelte ebenfalls, nahm seine Hand und sagte etwas.
Er verstand nicht, was sie gesagt hatte.
Erneut sagte sie etwas zu ihm und lachte. Er lachte mit ihr.
Plötzlich wurde sein Kopf herumgerissen, seine Wange brannte und seine Gedanken lichteten sich.
Er fuhr hoch, berührte seine schmerzende Wange und starrte Auris an, die ihm süffisant entgegen grinste.
„Nicht, dass Ihr auf dumme Ideen kommt“, schmunzelte sie.
„Ihr habt mich geschlagen“, nuschelte Marcus fassungslos, schüttelte den Kopf und berührte erneut mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Wange.
„Seid nicht so weibisch. Ihr habt mich dümmlich angegrinst, wie ein Idiot. Ihr solltet mir dankbar sein“, erwiderte sie trocken und stand auf.
„Ich bin ein Priester!“, keifte Marcus und sah sie an, als hätte sie einen Frevel an Gott begangen.
„Deswegen, Marcus. Ihr habt ausgesehen, als hättet Ihr ganz und gar unheilige Gedanken mir gegenüber gehabt. Prinzipiell habe ich Euch nur geholfen Euer Gelübte zu wahren.“
„Prinzipiell habt Ihr mich geschlagen“, erwiderte er, rappelte sich hoch und gestand sich selbst ein, dass Auris recht hatte.
Nicht, dass er ihr nun dankbar war, schließlich hatte sie ihn geschlagen, aber zumindest hatte sie einen Grund gehabt. Doch eine weniger deftige Ohrfeige hätte ausgereicht.

„Wo sind wir?“, fragte Marcus und sah sich um.
Sie standen in einer großen Hohle aus grobem Stein, zwei gegenüberliegende Durchgänge waren in die sonst schmucklose Wand eingelassen. In der Ferne hörte Marcus Donner, ähnlich dem eines Gewitters.

„Wir stehen am Eingang zur ersten Ebene.“
„Erste Ebene“, wiederholte Marcus und versuchte sich zu erinnern, was Dante über die erste Ebene geschrieben hatte. „Der Limbus“, sagte er zu sich und nickte. „Die unschuldig schuldig Gewordenen.“ Marcus sah zu Auris auf, die den Kopf schüttelte.

„Die Hölle verändert sich stetig“, erklärte sie und ging in die Knie, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. „Neun Kreise waren es zu Zeiten Dantes. Doch mittlerweile hat sich der Glauben der Sterblichen verändert. Die neun Kreise existieren nach wie vor auf einer anderen Ebene, doch immer, wenn sich der Glauben der Sterblichen ändert, verändert sich die Hölle mit ihm.“

„Warum?“, fragte Marcus schlicht und schüttelte den Kopf. „Die Hölle ist die Hölle. Warum sollte sie sich zugunsten der Menschen ändern?“

„Nicht zu ihren Gunsten, Marcus. Zu ihrem Nachteil. Früher hatten die Menschen andere Ängste als heute. Andere Regeln und Gesetze. Die Hölle stimmt sich auf die Ängste der Menschen ein. Früher wurde politischer Verrat als höchste Todsünde geahndet, doch wie Ihr wisst, hat fast jeder Herrscher der aktuellen Zeit in irgendeiner Form, an irgendjemanden Verrat begangen. Versteht Ihr?“

Er überlegte kurz und schüttelte den Kopf. Warum sollte sich die Hölle auf die Menschen einstellen? Warum sollten die Menschen über die Macht verfügen die Hölle nach Ihren Vorstellungen zu verändern?

„Ihr werdet es verstehen. Bald“, versprach Auris und wies ihn an aufzustehen.
„Sieben Ebenen stehen uns bevor. Sieben Sünden, sieben Laster, sieben Träger. Jeder Träger, euch als Teufel bekannt, ist der Inbegriff einer Sünde, in jedem Reich wird ein Laster gestraft und von dem Träger gleichzeitig gefrönt.“
Zitternd sah sich Marcus um. Ein unbeschreibliche Angst bemächtigte sich seiner. „Und dann?“, fragte er.
Auris zuckte mit den schmalen Schultern. „Dann sehen wir weiter.“

Sie bedeutete ihm ihr zu folgen; eine Aufforderung, der er nur zögerlich nachkam.
„Acedia“, flüsterte sie, legte ihren Finger auf seine Lippen und wies durch das Tor.
Marcus erstarrte.
Unter einem roten Himmel, der Marcus an eine Feuersbrunst erinnerte, fand er sich in einer Art Arena wieder, deren Ausmaße Marcus nicht erahnen konnte.
Er glaubte einen Fluß aus menschlichen Körpern zu sehen, Tausende nackte, ausgemergelte Körper drängten sich dicht an dicht.

Zuerst glaubte Marcus einer Orgie beizuwohnen, bis er ein ohrenbetäubendes Bellen vernahm, danach lautes Geschrei aus den Kehlen der Gepeinigten und er schließlich sah, wie sich der Strom in Bewegung setzte.
Die ängstlichen und schmerzverzerrten Gesichter der Gequälten brannten sich in sein Gedächnis ein.
Sein Herz setzte einige Schläge aus, als er erkannte, weshalb alle in eine Richtung drängten, wovor sie davonliefen.
„Das ist Cerberus. Ein hässliches Vieh“, kommentierte Auris und verzog das Gesicht. „Außerdem stinkt er schlimmer als die Hölle selbst.“
Indes konnte Marcus seinen Blick nicht von dem Ungetüm abwenden, das der Schar an nackten Seelen nachjagte.

So groß wie die Engelburg selbst, vielleicht sogar größer, war der Körper des schwarzen Tieres. In jedem der drei Köpfe glühte ein rotes Augenpaar wie ein Leuchtfeuer des puren Bösen.
Ein Kopf öffnete das Maul, worauf hin Milliarden Stimmen aus seinem Inneren schmerzgepeinigt aufschrien.
Marcus presste die Hände auf die Ohren und brach zusammen.
Die Konturen verschwammen vor seinem Blick, die ganze Ebene schien zu erzittern. Teile der Arena fielen herab und zermalmten unter ihrem Gewicht diejenigen, die sich nicht rechtzeitig hatten in Sicherheit bringen können.
Neben ihm schlug ein großer Stein ein, einige Splitter flogen ihm ins Gesicht und rissen Wunden in seine Haut, doch Marcus beachtete es nicht weiter.
Er glaubte, sein Kopf würde explodieren und spürte wie er anfing zu weinen. Der Schmerz, von dem die Stimmen erzählten, war zu viel für ihn.
Mit tränenverschleiertem Blick sah er, wie der mittlere Kopf der Bestie in die Menschenmasse stieß und einige Körper mit seinen Zähnen aufspießte. Die Menschenseelen schrien und zappelten, während sie in dem Gebiss der Bestie festhingen und von ihm zermalmt wurden. Andere Körper wurden förmlich zerrissen, bevor das Monster seinen Kopf in den Nacken warf und seine Opfer verschlang.
Marcus weinte haltlos.

Er sah zu Auris, nur verschwommen nahm ihre Gestalt wahr. Sie stand aufrecht, beobachtete das Szenario mit kaltem Blick und verzog keine Miene.
„Tut etwas! Macht dem ein Ende!“, wisperte er, wissend, dass sie ihn nicht hören konnte.

Plötzlich flammte etwas neben ihm hell auf, das Brüllen schwoll an und verstummte abrupt. Er sah Auris, über deren Hand eine Art Feuerball schwebte. Hinüber zu dem Ungetüm, das leise winselnd am Boden lag und von dessen Nasen dünne Rauchschwaden aufstiegen.
Die ehemals schreienden Seelen weinten nun leise.
Marcus bemerkte, dass alle Stimmen aus dem Rachen des Höllenhundes zu kommen schienen, während die Gequälten die ihnen geschenkten Minuten nutzten, um zu Atem zu kommen. Sie starrten zu ihm und Auris hinauf.
Fahrig hob Auris die Hand, woraufhin Marcus bemerkte, wie die Steine, die von den Wänden herabgefallen waren, zu schweben begannen.
„Komm“, sagte sie und zog ihn am priesterlichen Kragen auf die Beine.
immer mehr Gesteinsbrocken schwebten auf sie zu, bildeten zu ihren Füßen eine Brücke, die sich bis außerhalb von Marcus' Sichtbereich erstreckte.
„Wir werden erwartet.“
„Von wem?“, fragte Marcus und glaubte die Antwort zu kennen. Dem ersten Träger, dem Herr über die Trägheit.

Sie nickte, als hätte sie seine Gedanken gelesen und zog ihn mit sich auf die Brücke.
„Ist diese Brücke sicher?“, fragte er und warf einen beunruhigten Blick in die Tiefe.
Vermutlich würde er, sollte er herunterfallen, nicht mehr von einem Fladenbrot zu unterscheiden sein.
„Wir sind in der Hölle, Marcus“, erwiderte sie amüsiert. „Wollt Ihr die Frage noch einmal wiederholen?“
Marcus schwieg und schielte zu dem Ungetüm von Höllenhund, das zwar mit glühenden Augen zu ihnen hinaufsah, aber keine Anstalten machte anzugreifen.
Hasserfüllt starrte sie der mittlere Kopf an, während der linke und rechte seine Nase ableckten.

Die Brücke schien sich endlos vor ihnen zu erstrecken. Das selbe Bild bot sich, wenn er sich umdrehte, obwohl er und Auris diese gerade erst betreten hatten. Weit unter der Brücke die ausgemergelten Gesichter Tausender, die ihm mit leeren, traurigen Augen entgegensahen.
„Können wir ihnen nicht helfen?“, flüsterte Marcus Auris zu, die den Kopf schüttelte.

„Sie können sich nur selbst helfen.“

Schweigend gingen sie weiter. Marcus versuchte die leise weinenden und flehenden Seelen in der Arena nicht zu beachten, doch immer wieder schweifte sein Blick zu ihnen.
„Bemitleidet Ihr sie?“, fragte Auris, ohne sich umzudrehen.
„Ja“, sagte er leise und senkte den Kopf. „Ich verstehe nicht, warum das alles geschieht.“
„Die sieben Todsünden, Marcus. Warum bemitleidet Ihr sie? Ihr, die Kurie, Ihr habt sie ein Leben lang davor gewarnt. Sie wollten nicht hören, so müssen sie die Konsequenzen tragen.“

„Aber...“

„Kein Aber, Marcus. Sie sind schuldig im Angesicht Gottes. Jeder Einzelne von ihnen. Sie haben gefrevelt.“

Marcus schwieg.

Sie hatte Recht. Ständig wurden die Menschen ermahnt ihre Seelen reinzuhalten. Ihnen wurde die Aussicht auf das Paradies gegeben, wenn sie sich an die Gesetze Gottes hielten. Ebenso wurde ihnen gesagt, dass sie in der Hölle enden würden, lebten sie ihr Leben in Sünde.
Sein Blick glitt über die Menschen zu seinen Füßen. Manche versuchten ihre Scham zu bedecken, sogar hier noch ihre Würde zu wahren.
Sinnlos.
Hoffnungslose Blicke.
Ängstliche, ausgemergelte Gesichter.
Nur Tränen und Blut.

In einiger Entfernung sah Marcus einen steinernen Wall, davor angekettet zahllose kleinere Versionen der Bestie, die die Verdammten gejagt hatte.
Unaufhörlich schrien sie ihnen mit fremden Stimmen entgegen. Schrill und hell klangen die Rufe. Erst nach und nach wurde Marcus bewusst, dass es Kinderstimmen waren.
Hart traf ihn die Erkenntnis. Er versuchte den Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken und die Bilder, die vor seinem inneren Auge aufstiegen, zu verdrängen.
Je näher sie kamen, desto lauter wurde das Kindergeschrei. Verbissen versuchte Marcus es zu ignorieren, doch seine Bemühungen halfen ihm nicht.

Vor ihnen erschien ein Tor, das darauf ausgelegt war, die Besucher in dieser luftigen Höhe zu empfangen. So weit Marcus sehen konnte, gab es keine Verbindung der Arena zum Innenteil des Hofes.
Die Torwächter, wie Marcus sie in Gedanken nannte, bildeten zwei dreiköpfige Bestien, die sich gegenüber standen und ineinander verbissen hatten.
Schaudernd folgte er Auris, die ohne einen Blick auf die bedrohlich wirkenden Statuen durch das Tor schritt.

Die magische Brücke ging in einen blutroten Boden über, der zu Marcus Überraschung nachgab, als er ihn betrat.
Er bückte sich, strich über den Stoff und runzelte die Stirn. „Was ist das?“
„Kissen“, erwiderte Auris lapidar. „Der Innenhof ist damit ausgepolstert.“
„Wofür?“, wollte er wissen, bekam aber keine Antwort. Auris gab ihm zu verstehen, dass er ihr folgen sollte.

Seine Augen weiteten sich, als er die ersten, scheinbar leblosen Körper auf dem Boden liegend entdeckte. Sie alle waren nackt, doch keiner wies menschliche Geschlechtsmerkmale auf.
Sie sahen wie Menschen aus, doch etwas irritierte ihn; ihre Körper waren verlaufen, etwas Ähnliches hatte er vor Jahren gesehen, als er einer Wasserleiche, die einige Wochen in ihrem nassen Grab geharrt hatte, die letzte Ölung geben musste.
Die Haut, gelblich und durchscheinend, erinnerte Marcus an Wachs.
Keiner öffnete die Augen oder bewegte sich, als er und Auris an ihnen vorbei gingen. Zu Hunderten lagen sie im Vorhof.
Als Auris und er das marmorne Gebäude betraten, säumten die Körper den Boden und ließen nur einen schmalen Durchgang, so dass er hinter seiner Führerin gehen musste.

„Sind sie... tot?“, fragte Marcus und stupste einen besonders schwammigen Körper mit dem Fuss an, der sich auch auf diese Reizung hin nicht bewegte.
Auris zuckte mit den Schultern. „Nein, sie sind faul. Dämonen der Trägheit, Marcus. Sie verschlafen ganze Aeonen. Die Aktivsten von ihnen bewegen sich alle hundert Jahre einmal.“

Schweigend gingen sie weiter, bis hin zum Zentrum, einem großen, schmucklosen Raum, in dem die Körper sogar übereinander gestapelt um ein erhöhtes Podest lagen.
Auf dem Podest stand ein wahrhaft riesiges, von roten Vorhängen gesäumtes, Himmelbett.
Ohne zu zögern ging Auris die Treppe hinauf, riss die Vorhänge auf und rümpfte die Nase.
Der erbärmliche Gestank war das Erste, das Marcus wahrnahm, dicht gefolgt von der Erkenntnis, dass dieses schwammige Etwas im Bett zu leben schien.

„Auris“, hallte eine hohe, schrille Stimme in der Halle wider.
Marcus drehte sich um und suchte nach demjenigen, der gesprochen hatte, doch er sah nur die schlafenden Dämonen am Boden, von denen keiner auf die Störung reagierte.

„Du könntest mich wenigstens ansehen, wenn du mit mir sprichst“, sagte Auris zu dem Dämon auf dem Bett.
„Verstehe“, murrte Auris, „so weit ist es also schon gekommen?“
„Was stimmt nicht mit ihm?“, fragte Marcus leise.
„Er ist ein Dämon, das stimmt nicht mit ihm“, antwortete sie gereizt. „Er ist der Träger der Faulheit. Scheinbar hat er es geschafft, seinen Astralkörper derart degenerieren zu lassen, dass er nicht einmal mehr fähig ist ein Auge zu öffnen, geschweige denn seine Stimmbänder zu gebrauchen.“

Mit missbilligendem Blick musterte sie den Dämon.
„Belphegor... Belphegor? Verdammt!“, fluchte sie und trat mit dem Fuß gegen das Bett. „Hör mir gefälligst zu, du unnützer Faulpelz!“
Erschrocken packte Marcus sie am Arm und zog sie ein Stück zurück. „Ihr könnt doch nicht so mit einem Dämon sprechen!“, flüsterte er aufgeregt. „Er ist der Herrscher dieses Reiches, das habt Ihr selbst gesagt!“
„Gute Güte“, zischte Auris und fasste sich an den Kopf, „Ihr habt es immer noch nicht begriffen?“
„Was?“, fragte er irritiert, bekam jedoch keine Antwort.

Kopfschüttelnd wandte Auris sich von ihm ab und trat erneut an das Bett.
„Belphegor! Hör mir gefälligst zu!“
„Ich höre“, echote es durch die Halle.
Aus dem Augenwinkel sah Marcus, dass einer der Dämonen am Boden zuckte und sich umdrehte.
„Ich will einen Durchgang, öffne das Tor!“
„Nein!“
„Nein?“, wiederholte Auris leise. „Das war keine Bitte, Belphegor. Du kannst mich hier nicht festhalten.“
„Dich nicht, aber deinen sterblichen Begleiter.“

Ein mulmiges Gefühl beschlich Marcus, als Auris die Lippen zusammenpresste und sich an ihn wandte.
„Habt Ihr Euch der Trägheit schuldig gemacht, Marcus?“
Er zögerte kurz, aber verneinte nach kurzer Überlegung.
Sie schloß die Augen, wischte sich fahrig einige dunkle Haarsträhnen aus dem Gesicht und wandte sich wieder an Belphegor.
„Du hast kein Recht ihn hier festzuhalten.“
„Das nicht“, erwiderte Belphegor und öffnete ein Auge einen Spalt breit. Sein Auge, dreckig gelb wie seine Haut, funkelte gehässig. „Doch ich muss ihn auch nicht ohne Weiteres gehen lassen.“
„Was forderst du?“, fragte sie tonlos.

Auris sah Marcus nicht einmal an, als sie mit Belphegor über ihn sprach, sie ignorierte ihn vollkommen.
Instinktiv wusste Marcus, dass er den Mund halten sollte, obwohl er immer noch nicht verstanden hatte, woher sich Auris das Recht herausnahm, in einem mehr als schroffen Tonfall mit einem Erzdämon zu sprechen.
Natürlich hatte er begriffen, dass Auris ein Dämon sein musste, doch auf welcher Stufe der Hierachie sie stand, war ihm schleierhaft.
Erzdämonen waren, seines Wissens nach, die Herrscher der Hölle.

„Das, was ich von allen Seelen fordere, die mein Reich betreten.“
„Ich verstehe“, nickte Auris und wandte sich an Marcus. „Wir haben ein Problem.“
„Ein Problem?“, wiederholte er leise. „Was meint Ihr damit?“
Sie seufzte. „Ich hatte gehofft, dass die Träger keine Forderungen stellen würden. Scheinbar lebe ich schon zu lange unter Sterblichen. Nun gut, wir können nicht zurück, ich fürchte, Ihr müsst da durch.“
Marcus hatte ein ungutes Gefühl. Was auch immer auf ihn zukam, er ahnte, dass es ihn an seine Grenzen treiben würde. „Wo durch?“
„Eine Art Prüfung, Sterblicher“, sagte Belphegor schadenfroh. „Ein Art Beweis, dass Ihr euch nicht meiner Sünde schuldig gemacht habt.“

„Folgt mir“, nuschelte Auris und wandte sich von dem Sündenträger ab. „Wir müssen uns vorbereiten.“
„Worauf?“
Sie sah auffällig zu Belphegor, schüttelte fast unmerklich den Kopf und sagte leise: „Bleibt dicht bei mir.“
Marcus verstand.
Schweigend gingen sie den Weg zurück, doch anstatt über die Brücke zu gehen, schlug Auris den Weg rechterhand ein, eine Treppe hinunter.
Marcus hielt sich nah an der Mauer, warf einen kurzen Blick in die schwindelerregende Tiefe und überlegte Auris zu fragen, was passieren würde, sollte er in der Hölle sterben.
„Auris?“
„Ihr seid bereits tot.“
„Woher...“
„Ihr Sterbliche seid einfach zu durchschauen.“
Nach schier einer Ewigkeit, wie es Marcus vorkam, erreichten sie den leeren Vorplatz des Gebäudes.
Hinter der großen Mauer hörte er die Bestien; die Schreie raubten ihm fast den Verstand.

„Warum?“, fragte er Auris leise, die wartend die Arme vor der Brust verschränkt hatte.
„Warum was?“
„Warum habt Ihr mich hierher geführt?“
Sie schüttelte den Kopf. „Noch nicht, Marcus. Geduldet Euch.“
Auris, die bisher völlig gelassen gewirkt hatte, sah angespannt aus. Marcus fühlte sich unwohl.
Der Dämon hatte von einem Beweis gesprochen, davon, dass Marcus nachweisen musste nicht hierher zu gehören. Doch bisher hatte Auris kein Wort darüber verloren, obwohl er ahnte, dass sie wusste, wovon Belphegor gesprochen hatte.
„Was passiert jetzt?“, wollte er wissen.
Sie rümpfte die Nase und zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe bald passiert etwas, Marcus. Die Luft hier unten ist furchtbar, außerdem habe ich Hunger.“

Sie waren in der Hölle.
Im Reich des Dämons Belphegor.
Vor den Mauern tummelten sich unzählige misshandelte Seelen, Bestien und ein riesiges Ungeheuer.
Und seine Führerin, die eigentlich an dieser Misere Schuld hatte, dachte an Essen.
Mit offenem Mund starrte er sie an und schüttelte den Kopf.

„Was starrt Ihr mich so an, Sterblicher?“, murrte sie und verschränkte die Arme.
Gerade als er ihr antworten wollte, dass sie wohl das biestigste Wesen sei, das er je getroffen hatte, hob sie herrisch die Hand und brachte ihm zum Schweigen.
„Hört Ihr das?“, flüsterte sie, worauf hin er den Kopf schief legte und sich konzentrierte.
„Nein. Was?“
„Was hört Ihr?“
„Nichts“, antwortete er und begriff langsam, was sie meinte.
Die Bestien waren verstummt, das leise Weinen und Klagen der Seelen hatte aufgehört, kein Laut drang mehr an ihr Ohr.

„Es geht los“, murmelte sie, packte ihn an den Schultern und lief los.
Er wollte protestieren, doch so weit kam er nicht mehr; plötzlich brach hinter ihnen ein Tumult aus.
„Nicht umdrehen, lauf! Lauf!“, schrie Auris ihn an und zog ihn grob mit sich.
Aus den Augenwinkeln sah er, dass als die Mauer, die sie von den Seelen und Bestien abschirmte, ohne ersichtlichen Grund in sich zusammenfiel. Eine Wolke aus Staub hüllte sie ein. Er hustete, bekam keine Luft, doch Auris zog ihn erbarmungslos weiter. Es roch modrig, die aufgewirbelten Teilchen kitzelten ihn in der Nase, kratzten im Hals und brannten in den Augen. Hinter ihnen keiften die Bestien. Näher als je zuvor hörte er sie mit kindlichen Stimmen schrill schreien. Dazwischen mischten sich jähzornige Rufe, die Marcus an Charons Worte denken ließen. Gefangene Seelen, neidisch auf Marcus der weiter gehen konnte, zornig, dass ihnen selbst der Weg verwehrt würde.
Einen kurzen Moment dachte er daran stehen zu bleiben, sich den Bestien zu stellen, denn tot und in der Hölle war er bereits. Wie sollte es noch schlimmer kommen? Etwas in ihm schrie, dass es noch schlimmer werden würde, dass das Leid, das auf ihn wartete, wenn er aufgab, kein Ende nehmen würde. Marcus lief schneller.

Die Luft klärte sich, Marcus sah, dass sie den Umkreis der steinernen Festung bereits hinter sich gelassen hatten und durch die Arena liefen, in der zuvor die monströse Bestie ihr Unwesen getrieben hatte.
Der Boden war von Knochen und halbverwesten Körpern übersät, die ihm mit gebrochenen, doch lebendigen Augen entgegen blickten, wenn er genau hinsah.
Das Grauen packte Marcus, als er verstand, dass die Körper noch aktiv waren, ihm nachsahen und sogar die Knochen, die knackend unter seinen Füßen barsten, noch Leben in sich trugen. Er versuchte den Gebeinen auszuweichen und keinem der geschundenen Körper noch mehr Schaden zuzufügen. Nur ein Bruchteil einer Sekunde war er unvorsichtig, er stolperte und geriet ins Taumeln.
Als er stürzte, schloss er die Augen, er wollte nicht sehen, wie eine Bestie mit weit aufgerissenem Maul auf ihn zukam. Er wollte nicht hören, wie ihm Tausend Kinderstimmen schadenfroh ihren Sieg entgegenschrien. Er wollte den fauligen Gestank, der den Bestien aus dem Maul drang nicht riechen, nicht seine eigene Angst oder sein eigenes Blut.

Jäh drückte ihn eine Explosion zu Boden, die Schreie hinter ihm wurden schriller, ängstlicher, doch Marcus wagte nicht die Augen zu öffnen.
Es roch nach verbranntem Fleisch, ein Geruch, der ihm nur allzu bekannt war und ihn immer wieder verkrampft würgen ließ.
Die Hände schützend über den Kopf gelegt wagte er nicht sich zu bewegen, nicht einmal aufzusehen.
Hinter ihm schien ein Kampf zu toben, er hörte hasserfüllte Schreie, schmerzgeplagte, unartikulierte Laute, dazwischen immer wieder Explosionen.

„Marcus!“
Zögerlich sah er auf, kniff die Augen zusammen, nur um sie erschrocken wieder aufzureißen.
Unzählige Seelen hatten ihn und Auris umkreist, aus ihren Augen sprach blanker Hass.
Auf einigen herabgestürzten Felsbrocken standen Bestien in gebührender Entfernung. Ihre roten Augen fixierten eine Gestalt, die Marcus erst nach dem zweiten Hinsehen als Auris erkannte.
Sie stand mit dem Rücken zu ihm, Flammen züngelten an ihr hinauf, versengten den Stoff und brannten Löcher in das schwarze Priestergewand.
Im ersten Moment wollte er zu ihr laufen, sie aus den Flammen ziehen, doch mittlerweile hatte er begriffen, dass sie Kräfte besaß, die sein Vorstellungsvermögen bei Weitem überstiegen.

Selbst in einigen Metern Entfernung spürte Marcus die Hitze des Feuers.
Er sah, wie Auris mit ihren Händen einen grellen Feuerball formte und nach einer Seele, die sich ihnen näherte, warf.
In dem Augenblick, in dem das Feuer die Seele berührte, schrie diese gellend auf, bevor sie in innerhalb von Sekunden zu Asche zerfiel.
Die anderen Gestalten blieben auf Abstand, selbst die Bestien schienen Auris' Feuer zu fürchten.

„Auris“, tönte es aus unbestimmter Richtung, „du darfst dich nicht einmischen!“

Sie schoss lachend eine zweite Seele ab. „Du solltest mich besser kennen, Belphegor!“

„Das tue ich“, antwortete die Stimme gelassen. „Damit hatte ich gerechnet.“

Plötzlich wandten sich die Seelen von ihnen ab, stoben panisch auseinander. Die Bestien jaulten, drehten sich ebenfalls um und flohen den Seelen hinterher.

Auris Feuer erlosch, ihre Robe war löchrig, an einigen Stellen züngelten noch kleine Flammen auf, die sie völlig ignorierte.
Eilig lief sie zu Marcus und zog ihn auf die Beine.
„Verdammte Scheiße“, zischte sie wütend und drehte sich immer wieder um.
„Ihr solltet nicht fluchen“, murmelte Marcus automatisch.
Sie sah ihn an, legte den Kopf schief und lachte los.
„Verdammt, Marcus! Entweder habt Ihr wirklich Humor oder ihr seid bereits verrückt geworden.“
Er ließ sich von ihr aufhelfen und klopfte sich fahrig den Staub von der Soutane.
„Dafür ist keine Zeit“, sagte sie, griff ihm unter das Kinn und zwang ihn sie anzusehen.
„Hört mir zu! Ihr werdet jetzt weiter laufen, verstanden? Lauft, solange bis Ihr eine Felswand erreicht, dort werdet ihr auf mich warten.“
„Und was ist mit Euch?“
Sie unterbrach ihn harsch: „Tut was ich euch sage! Um mich braucht Ihr euch nicht zu sorgen, ich werde Belphegors Schoßhund aufhalten.“
Entsetzt riss Marcus die Augen auf. „Seinen...?“

Der Boden bebte. Alarmiert drehte sich Auris um, fluchte erneut und stieß Marcus von sich.

„Marcus“, rief sie über die Schulter, „lauft weiter, es ist nicht mehr weit! Dreht euch nicht um, achtet auf nichts, lauft! Lauft!“

„Du brichst die Regeln, Auris!“, hörte Marcus die missbilligende Stimme Belphegors. „Überlasse ihn seinem Schicksal.“

„Ich breche die Regeln nicht, Bruder! Ich bestimme sie!“, schrie Auris und beschwor erneut Flammen aus dem staubigen Boden, die sie vollständig und heller umhüllten als zuvor.

Mit der Angst im Nacken lief Marcus los.
Seine Gedanken überschlugen sich: War es möglich, dass dieses so menschlich anmutende Geschöpf tatsächlich ein mächtiger Dämon war?
Warum, warum in Gottes Namen hatte sie Belphegor Bruder genant?
Rein äußerlich konnte Marcus nicht glauben, dass Auris mit diesem Ding auf dem Bett in irgendeiner Form verwandt war.
Er schüttelte den Kopf. Sie riskierte zu viel für ihn, stellte sich sogar gegen die mächtige Bestie. Wenn der Herrscher dieses Reiches das nicht als persönliche Beleidigung ansah, dann... er dachte nicht weiter.
Einerseits sah er sie als menschlich, ihr Äusseres, ihr Lachen.
Lachten Dämonen?
Konnten sie amüsiert sein?
Freude empfinden?
Marcus versuchte sich daran zu erinnern, ob er je etwas über dämonische Gemüter gelesen hatte. Doch in jedem von ihm gelesenen Buch wurden Dämonen nur mit einem Wort beschrieben: Böse.

Andererseits hatte sie ihn in die Hölle geführt, Charon hatte sie herzlich, mit den Worten
'Willkommen zu Hause' begrüßt.
Belphegor hatte sie sofort erkannt, sie hatte sich sogar erdreistet ihn in seinem Reich zu beleidigen, ohne dass er darauf reagiert hatte.
Unzählige Seelen hatte sie in ihre Schranken verwiesen, einige sogar, wie er glaubte, völlig ausgelöscht.
Was, außer einem alten, mächtigen Dämon, sollte die Macht zu solchen Taten haben?

Hallende Schreie rissen ihn aus seinen Gedanken, nur mühsam konnte er den Impuls sich umzudrehen unterdrücken.
Das Geschrei schmerzte ihn in den Ohren, doch mit jedem Schritt wurde es erträglicher, gleichsam schmerzten seine Beine mit jedem Schritt mehr.

Die Felswand, von der Auris gesprochen hatte, war noch nicht einmal in Sichtweite, doch schon jetzt drohten seine Beine ihm den Dienst zu verweigern.
Eine bleierne Schläfrigkeit legte sich über ihn, er merkte wie er langsamer wurde und irgendwann seinen Weg in Schrittgeschwindigkeit fortsetzte.
Auris hatte gesagt, er solle weiter laufen, diese Worte wiederholte er im Geist immer und immer wieder, wie ein Gebet und zwang sich, nicht stehen zu bleiben.

Weit hinter ihm tobte der Kampf.
Die Bestie schrie mit menschlichen Stimmen ihren Schmerz, ihren Hass und ihre Wut hinaus, während Marcus immer langsamer vorankam.

Der Staub brannte ihm in den Augen, müde schloss er sie, atmete tief durch und öffnete sie wieder.
Einige Male blinzelte er und murmelte: „Das ist doch nicht möglich.“
Vor ihm, mitten im Sand der Arena, stand wie aus dem Nichts geschaffen ein Bett, das für Marcus in diesem Augenblick aussah wie die Manifestation des allmächtigen Gottes.
Er wankte darauf zu, blieb erneut stehen und starrte es an.
Weiß, die Farbe der Unschuld, der Reinheit, wirkte hier absolut fehl am Platz.

Im hintersten Winkel seines Kopfes regte sich ein Gedanke.
Mühsam versuchte er sein Gehirn zum Arbeit zu animieren, konzentrierte den letzten Funken Kraft und schließlich kam ihm nur ein Wort in den Sinn: Falle.

Nur widerwillig wandte er seine Augen von dem verlockenden Objekt ab und zwang sich wieder geradeaus zu sehen.
Er war nicht überrascht, als er keine zwei Meter entfernt Auris vor sich sah.

Sie sah abgekämpft aus und nickte ihm schlicht zu.
Zwischen den aufgerissenen Lippen rann ein dünner Faden Blut ihr Kinn hinunter und tropfte auf die verkohlte, dreckige Priesterrobe.
Fahrig wischte sie sich einige Strähnen aus dem Gesicht, verschmierte den Dreck und das Blut einiger Risse und Schürfwunden auf ihrer Wange.
Müde sah ihr Marcus entgegen.
Auris stellte sich neben ihn, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken.
Marcus schloss ebenfalls die Augen, darauf vertrauend sicher zu sein.
So sicher, wie man sich in der Nähe eines Dämons, dessen Absicht man nicht einschätzen konnte, eben fühlen konnte.
Ein leiser Singsang in einer Sprache, die Marcus nicht verstand ließ ihn aufsehen.
Mit konzentrierter Miene kniete Auris auf dem Boden der Arena und zeichnete Symbole in den in den Sand.
Er lauschte ihrem leisen Singsang, doch verstand kein Wort.
Skeptisch beobachtete er, wie sich die Schriftzeichen zu verändern begannen und der Boden absackte.

Marcus war nicht überrascht. Nichts konnte ihn mehr verblüffen.
Doch das langgezogene Loch, darin grobbehauene, sandbedeckte Stufen, die in die dunkle Tiefe führten, sah für Marcus alles andere als einladend aus.
„Die nächste Ebene?“, fragte er, ohne sie anzusehen.
„Ihr werdet sehen. Kommt.“
Sich seinem Schicksal beugend ging er auf das Loch zu, doch hielt kurz davor inne.
„Was dachtet Ihr“, fragte er krächzend, „als ich vor dem Bett stand? Dass ich schwach werden würde?“
„Ehrlich gesagt: ja. Macht euch nichts daraus, Sterblicher. Ich halte generell nicht viel von Euch.“ Sie klopfte ihm träge auf die Schulter und schlurfte an ihm vorbei.
Er lachte leise auf und schüttelte den Kopf.
„Fahrt zur Hölle, Auris.“

Wenn er er gedacht hatte, ihn könne nichts mehr überraschen, hatte er sich geirrt.
Anstatt die nächste Ebene zu betreten, standen sie nun in einem kleinen, schmucklosen Raum, der von nur einer Fackel beleuchtet wurde.
Inmitten des Raumes: Ein Bett.
„Ruht euch aus Marcus“, sagte Auris und zeigte auf das Himmelbett, ähnlich dem, das ihm in der sandigen Arena in Belphegors Reich so verlockend vorgekommen war.
Marcus sah abwechselnd zu Auris und dem Bett.
„Macht schon“, murmelte sie und gähnte herzhaft. „Ein paar Stunden Schlaf werden euch gut tun.“
„Sind wir hier…“, setzte er an, doch wurde von ihr unterbrochen.
„So sicher wie man in der Hölle sein kann.“
„Aber...“
„Marcus. Wir sind hier in einer Zwischenebene, die nur von den Hochrangigen unter uns betreten werden kann. Glaubt mir, kein Erzdämon hat auch nur das geringste Interesse an Euch. Sie sind neugierig, aber, verzeiht, wenn ich Euch das so klar sage, Ihr seid nichts Außergewöhnliches hier. Priester gibt es mehr in der Hölle, als Ihr vielleicht glauben werdet. Ihr Interesse liegt eher auf mir.“
„Was seid Ihr?“, fragte er und hoffte endlich eine Antwort zu erhalten.
„Genervt. Und jetzt geht schlafen!“
Sie verdrehte die Augen, verließ den Raum und knallte die Tür derart heftig zu, dass Marcus zusammenzuckte.

Langsam ging er auf das Bett zu, setzte sich zögerlich auf die weiche Matratze und fuhr mit der Hand über den samtartigen Stoff.
Er entledigte sich seiner Robe, roch kurz daran und rümpfte die Nase, bevor er sie in eine Ecke warf.
Als Priester war er angehalten Ordnung zu halten, doch sein Gewand stank erbärmlich nach Schweiß und Angst. Außerdem war er bereits in der Hölle, was interessierte ihn noch die Stiftsordnung der weltlichen Glaubensgemeinschaft.
Er sah sich in dem Raum um und entdeckte eine Tür, vor der er hätte schwören können, dass sie vor einigen Sekunden noch nicht da gewesen war.
Die Tür stand einen Spalt breit offen, dahinter könnte Marcus im Feuerschein einer Fackel einen hölzernen Abort sehen.
Auris nach einem Abort zu Fragen war ihm in den Sinn gekommen, doch aus Angst vor dem spöttischen Lächeln und einem bissigen Kommentar hatte er sich sein menschliches Bedürfnis bis zur Schmerzgrenze verkniffen.
Seine Augen leuchteten, noch nie war er so glücklich über einen hölzernen Sitz und ein Loch im Boden gewesen.

Erleichtert schlüpfte Marcus nach Verrichtung seiner Notdurft unter die dicke, weiche Decke und fragte sich, ob er wohl einschlafen könne in dieser fremden, feindlichen Umgebung.
Einige Sekunden später schnarchte er bereits zufrieden und bemerkte nicht, dass jemand den Raum betrat und beim Anblick des schlafenden Priesters zufrieden lächelte.

Marcus Träume waren wirr, gezeichnet von der Sehnsucht nach seinem Leben.
Er glaubte Patricks Stimme zu hören, wie sie eindringlich auf ihn einflüsterte, er solle nicht auf Rettung hoffen, sondern sich seiner eigenen Stärke bewusst werden. Marcus hörte, wie Patrick immer wieder sagte, dass nur er sich retten könnte. Dass er sein eigenes Licht wäre.
Wie durch Nebel sah er kurzzeitig Patrick mit geschärftem Blick und angespanntem Gesichtsausdruck auf ihn herabsehen.
Einige Sekunden freute er sich, dass Patrick, sein Freund und Mentor, zurück zu sich und seinem Leben gefunden hatte.
Doch Patricks Bild wurde schwammig, undeutlich und verblasste.
Marcus stand auf der Schwelle von Schlaf und Bewusstsein und erwachte nur schwer.

Es war ihm, als hätte er nur kurz die Augen geschlossen und dabei seltsam reale Träume gehabt.
 


Die Gewohnheiten der Menschen wechseln wie Blätter an einem Zweig: einige gehen und andere kommen.
Dante Alighieri, (1265 - 1321), italienischer Dichter


"Contrapasso", sowie Figuren und Handlungsorte, sind alleiniges, geistiges Eigentum des Autors, der hier unter dem Psyeudonym 'Noctifer' agiert. Vervielfältigungen und Verbreitung sind untersagt.


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