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Faszination: Von einem Eindruck gefesselt, seines Verstandes beraubt.


 
In seinen Gedanken verweilt er in der Vergangenheit; auf der Suche nach etwas, das vergleichbar wäre. 1456, der Einmarsch in sein Heimatland. Die Schlacht, das Blut und die unzähligen Toten, die seinen Weg gesäumt und vielleicht den Anfang des Weges gebildet hatten, den er bis zum heutigen Tag unaufhörlich folgt.
Nein. Nicht im Geringsten vergleichbar.
Die dreißigtausend deutschen Siedler, von denen er selbst 1459 einen beachtlichen Teil selbst gepfählt hatte?
Auch kein Vergleich.
Das Schlachtfest an den Türken, 1462; nicht im Mindesten.
Zu viele Schlachten, zu viele Morde und Massaker treten ihn in grausamen Bildern vor Augen, doch nichts, weder in seinem Leben, noch in der Zeit danach, war vergleichbar mit Walters Art zu töten.
Zu tanzen.
Ein Totentanz auf einem Parkett aus Blut und Leichen.

„Alucard!“

Langsam erwacht der Vampir aus seiner Trance und realisiert, dass nach ihm gerufen wird.
Noch immer hat er sich nicht an das Anagramm gewohnt; Sir Hellsing ist der Meinung, dass mit seinem richtigen Namen zu viele Hirngespinste verbunden sind.
Die Wahrheit ringt dem Vampir nur ein freudloses Lächeln ab: Dracula ist ein grenzenlos grausames und blutgieriges Monster, vor dem sich Sir Hellsing in seinem Innersten fürchtete.
Alucard ist Hellsings Sklave.
Es erstaunt ihn, welche Macht ein Name haben kann.

Noch immer tanzt Walter durch die Armada an Untoten; Leichenteile liegen über den Boden verstreut, seine Kleidung und sein Gesicht sind blutverschmiert.
Wild und entschlossen glitzern seine Augen im Rausch.
„Soll ich dir einen Tee servieren?“

Belustigt kräuseln sich Alucards Lippen. „Ich soll auf dich achten, Walter. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist deine Übung und nicht meine.“

Ein leise gebrummter Fluch, während fünf Untote gleichzeitig Walters tödliche Drähte zu spüren bekommen und sich ihre Körper in Einzelteilen über den Boden verteilen.

Hinter Walter, in dessen toten Winkel, löst sich ein Gegner aus dem Schatten. Gespannt wartet der Vampir ab, bringt präventiv seine Waffe in Position und es kommt, wie Alucard es erwartet. Walter ist überfordert, sieht nur das was sich vor seinen Augen abspielt und keucht überrascht, als sich der Ghul hinterrücks auf ihn stürzt.
Zwei kurz aufeinander folgende Schüsse reißen dem Gegner regelrecht den Kopf weg.
„Dein Ehrgeiz und dein Können sind verblüffend. Deine Aufmerksamkeit lässt zu wünschen übrig.“
Ein überhebliches Lächeln stiehlt sich auf Alucards Lippen, als er in den Augen seines Schützlings kalte Wut aufblitzen sieht.
„Ach, du kannst es wohl besser?“, zischt Walter voller Hohn in der Stimme, „beweise es mir, großer Vampir. Warum sitzt du noch dort? Bist du faul, feige oder einfach unfähig?“
Einige Sekunden, nachdem er den Satz zu Ende geführt hat, prasselt ein Kugelhagel auf die verbliebenen Untoten ein, der Walter veranlasst sich hinter einer Kiste in Deckung zu werfen.
Neben dem jungen Butler schlagen Geschosse ein, lassen die nur mäßig Schutz bietende Holzkiste zerbersten und offenbaren ihren Inhalt: Teddys.
Einer dieser Stoffbären, ein reichlich lädierter Zeitgenosse mit fehlendem Auge und von Kugeln durchlöchert, entlockt Alucard ein Grinsen nah dem Wahnsinn.
Seelenbalsam der Giftklasse vier; ein unschuldiges Kinderspielzeug inmitten eines  grausamen Schauspiels aus Blut, Knochensplittern und Schmerzensschreien.
Die Kugeln schnellen so nah an Walter vorbei, dass dieser den Luftzug spüren muss, doch keine Sekunde bringt er den Jungen in Gefahr.
Vier Mal muss er nachladen, knappe zwei Minuten braucht er um alle Untoten mit geweihten Kugeln zu vernichten.
„Warte hier“, raunt er Walter zu, als er an ihm vorbeigeht. „Ich kümmere mich um die minderwertige Kreatur, die glaubt hier den großen Boss spielen zu können.“
Eine Antwort wartet er nicht ab, warum auch?
Die geweiteten Pupillen, die Schweißtropfen auf seiner Stirn, sein rasender Puls und Herzschlag geben zu, was der Junge nicht aussprechen will: Er ist an der Grenze seiner körperlichen Leistungsfähigkeit.
Walter sitzt zusammengekauert am Boden, starrt ihm feindselig nach, als er an ihm vorbeigeht.
Der Blick des Jungen brennt sich förmlich in Alucards Rücken. Er kann ihn spüren, genießt den Hass des Menschen.

Faszination. Eine Emotion, wenn man es so nennen möchte, die sich der Vampir über die Jahrhunderte erhalten hat.
Ihn faszinierten Sterbliche auf eine fast perverse Weise; nicht immer war es das Blut, das er schmecken wollte, manchmal war es der Hass des Feindes, der ihm auf der Zunge zerging.
Die Angst vor dem bevorstehenden Tod spiegelte sich bitter im Geschmack wieder, doch Hass verlieh dem Blut seiner Opfer seine süße, fast liebliche Note.

In dem Moment, in dem er dem noch jungen Vampir sein erbärmliches Dasein mit einer Salve geweihter Kugeln raubt, fragt er sich, wie das Blut des jungen Butlers wohl schmecken mochte.
Eine süße Note der Aversion, sicherlich. Doch es ist der Zynismus in den Augen des Jungen, der ihn reizt.
Mit gemächlich langsamen Schritten durchquert er das Lagerhaus; weder interessieren ihn die rostigen Industrieabfälle, aus dem heraus ihn einige Ratten skeptisch beobachten, noch verschwendet er einen Blick an das Blut, welches den Boden im Licht der Neonlampen rötlich schimmern lässt.
Der Geruch des verkommenen Blutes der untoten Marionetten tränkt die Luft mit faulig metallischem Gestank. Angewidert rümpft er die Nase.
„Komm schon.“ Er sieht zu Walter herunter, der immer noch an der gleichen Stelle verharrt und ihn mit derselben Verachtung mustert, wie noch einige Minuten zuvor.
Der Hass lässt seine Augen glänzen.
Mit einer abwertenden Geste deutet Alucard in Richtung der Leichen. „Sie werden nicht wieder aufstehen. Jedenfalls nicht vor dem Tag der Abrechnung.“
Erneut dreht er sich um, ohne auf eine Antwort des Jungen zu warten und geht einige Schritte. Ein feines Lächeln umspielt seine Lippen, als er das leise Surren der Drähte hört, die sich den Bruchteil einer Sekunde später um seinen Hals und seine Arme legen.
„Bastard“, zischt Walter und zieht die Drähte so eng, dass sie Alucard ins Fleisch schneiden.
Ein heiseres Lachen hallt durch den Raum. Eine helle Stimme, nicht eindeutig weiblich, doch auch nicht männlich. Einzig der Hohn ist klar zu erkennen.
„Was willst du tun, junger Diener? Mich enthaupten? Das haben schon unzählige vor dir versucht. Und wie du siehst – gebracht hat es ihnen nichts. Außer den Tod.“

In dem Müll rascheln die Ratten, scharen sich um die Leichenteile und prüfen sie auf Fressbarkeit. Als die erste Ratte armselig fiepend stirbt, verstehen die anderen, dass sie sich von dem merkwürdig riechenden Fleisch besser fern halten sollten.
Der junge Butler, dessen Hass auf Alucard schon Hunderte vor ihm spürten, lernt wie die Ratten seinen Fehler. Alucards Grinsen verbreitert sich, als er spürt wie die Drähte sich lockern.
Wie eine Ratte.

Im nächsten Moment fällt sein Kopf zu Boden, seine Gliedmaßen reihen sich ein zu denen der untoten Gegner.
Ist er überrascht? Nein. Er weiß, dass dieser Junge unberechenbar ist. Ein Wildfang; gleichermaßen ungebändigt wie faszinierend.
Wie leicht wäre es in seine Gedanken einzudringen; so leicht wie langweilig.
Und erst als sein Kopf hochgehoben wird, auf Augenhöhe mit Walter und er ihm das erste Mal wirklich in die Augen sieht, versteht er, dass sie ihre Faszination teilen.
Ein dunkles, lebendiges wie auch unergründliches Violett, in dem sich weder Angst, noch Ekel spiegeln. Dieselbe Faszination, die den Vampir fesselt, ist auch in den Augen des Jungen zu lesen.
Interessiert starren sie sich gegenseitig an, auf eine Reaktion des jeweils anderen lauernd.
Die Neugierde brennt in beiden Augenpaaren, doch keinem kommt ein Wort über die Lippen.

Walter ist der Erste, der seinen Blick abwendet; zwischen seinen Augenbrauen bildet sich eine steile Zornfalte.
Einige Sekunden später befindet sich Alucards Kopf auf nur noch halber Höhe und er nimmt seine Umwelt nunmehr schaukelnd wahr.
„Was gedenkst du jetzt zu tun?“ In seiner Stimme schwingt Unmut mit. Bisher hat es keiner gewagt so dreist mit ihm umzugehen. Eindeutig ein Zeichen mangelnden Respekts; ihn einfach am Haarschopf packen und ihn herum zu schwingen wie einen Gehstock.
„Wir gehen“, antwortet Walter knapp und lässt tatsächlich die Eisentür hinter sich zufallen.
„Und mein Körper?“
„Was beschwerst du dich? Ich dachte enthaupten schadet dir nicht.“
Etwas, das er schon lange verloren glaubte regt sich in ihm. „Tut es nicht.“
Die letzten Jahrhunderte zahlte jeder, der ihm nur in einer Sekunde der Langeweile begegnete, alleine die Tatsache seiner Existenz mit der Auslöschung genau dieser.
„Hat schonmal jemand versucht dich zu enthaupten und deinen Kopf mitzunehmen? Eine vermeintlich effektivere Methode, so kratzbürstig wie du reagierst.“
Und dieser Junge, dieser Diener, weckt bei ihm nicht das dringende Bedürfnis, ihn sofort zu töten.
„Die Türken. 1477. Sie haben mich enthauptet, meinen Kopf in Honig eingelegt und nach Konstantinopel gebracht.“
Erheiterung.
„Dann sollte ich dich jetzt wohl nach englischer Manier in Worcestersauce einlegen.“
Der Junge schafft es tatsächlich, ihn zu amüsieren.
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