Cavaletta

Sep. 6th, 2009 10:36 pm
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Wie viel kostet die Welt?
In vereinzelten Momenten seines Lebens hatte Claudio sich diese Frage gestellt. Stets unbewusst, wenige Minuten bevor sein Leben durch einen Schicksalsschlag eine neue Wendung genommen hatte; als sein Sohn bei einem Unfall umgekommen war, als seine Frau ihn verlassen hatte, vor annähernd zehn Jahren, als eine Gewehrsalve sein linkes Bein zerfetzt hatte.
Als wäre diese Frage eine Vision; eine böse Vorahnung.

Wie viel kostet die Welt?
Claudio, der seit dem Anschlag vor einem Jahrzehnt den Beinamen Claudicante, hinkend, trug, stellte sich diese Frage, als er im 'Messagero' von den neuerlichen Anschlägen in Neapel las.

Kein Tag ohne Anschläge, ohne Verletzte und Tote. Jede Stunde flutete das Blut junger Neapolitaner die schmutzigen Straßen.
Die Toten, meistens Dealer oder Konsumenten, waren den Journalisten nicht einmal eine Todesanzeige wert, doch eines der Opfer dieses Anschlages war der Sohn eines Politikers gewesen, der von Kugeln zerfetzt worden war, als er sich zur falschen Zeit am falschen Ort Drogen besorgen wollte.
Sogar im Tod hatte der Junge das Päckchen Kokain, wegen dem er sein Leben hatte lassen müssen, fest umklammert. Er war gerade siebzehn Jahre alt geworden.

Der Krieg in Neapel war plätscherte dahin; kleinere Banden bekriegten sich, während die großen Familien Milliarden am Hafen umschlugen, in dem sie Drogen gleichsam mit Menschen importierten. Die Drogen gingen gestreckt an die Konsumenten, während die Extracommunitare, sprich Chinesen und Afrikaner, entweder in den großen Fabriken für weniger als einen Hungerlohn schufteten, oder aber an andere Familien verkauft wurden. Produktpiraterie, illegales Glücksspiel, Entsorgung giftiger Stoffe und Prostitution spülten Unsummen in die Kassen.
Nach Jahrzehnten im System wusste Claudio wann sogenannte Kriege nur Geplänkel der führenden Camorristi waren; Schachspiele in großem Stil, bei dem die Figuren durch automatischen und halbautomatischen Waffen zu Fall gebracht wurden. Das, was die Journalisten in Neapel einen Krieg nannten, war ein reines Schachspiel zwischen Bauern. Die Könige und Königinnen saßen am Rande des Spielfeldes und widmeten dem Treiben nicht mehr als ein müdes Lächeln. Schließlich lenkte das Blut, das hier vergossen wurde, von ihren eigenen lukrativen Geschäften ab.

Die Kippe in seinem Mundwinkel strömte den ekelerregenden Geruch von angebranntem Filter aus, der sich Claudio in die Nase ätzte. Angewidert spuckte er aus und gab dem jungen Zeitungsverkäufer ein Zeichen zu verschwinden.
Auch der Junge wurde von der Familie bezahlt, wie alle anderen in Santa Fiori. Hier waren die Cavaletta die größten Auftraggeber. Und wenn man die Gelder, die hier flossen, penibel zurück verfolgte, durch die täuschenden und tarnenden Transaktionen und Umwege zurück verfolgen könnte, so wäre ans Licht gekommen, dass der Clan der Cavaletta auch die einzigen Arbeitgeber im Gebiet der Santa Fiori war.
Viele große Prestigefirmen hatten sich in der Zunge des Weinanbau- und Erholungsgebietes angesiedelt; von den prunkvollen neuen Straßenzügen im Stadtkern, die von Versace und Prada gesäumt waren, über die großen Autohäuser Ferrari, Mercedes, BMW und Porsche, welche gläserne Paläste gebaut hatten und die Stadt mit Luxus erfüllten. Alle angelockt und ausgewählt von der Familie, die Schutz gewährten, Umsatz versprachen und niemals ihr Wort brachen. Sie hatten vorfinanziert, gebaut und die Arbeiter und Angestellten zur Verfügung gestellt. Nun, da der Handel florierte, wie es der Stadtname versprach, fragte niemand mehr woher die Gelder gekommen waren.
Niemand forschte nach und würde auf einen Sumpf aus Drogen, Wirtschaftskriminalität, Erpressung, Korruption, Menschenhandel und Prostitution stoßen. Niemand würde entdecken, dass dieser Sumpf hinter den glänzenden Fassaden noch immer eine der größten wirtschaftlichen Faktoren in Santa Fiori darstellte.

Beiläufig sah Claudio auf seine Armbanduhr. Keine Rolex, wie das Klischee es verlangt hätte, sondern eine Fossil – eine chinesische Kopie, die er sich aus einem Container voller Fälschungen hatte aussuchen können. Die Qualität entsprach derer europäischer Standards, sogar der Aufbau der Uhr, selbst die Materialien entsprachen genau der einer echten Fossil. Der einzige Unterschied bestand darin, dass seine Uhr unter der Aufsicht italienischer Arbeiter in einem Werk in China hergestellt wurde, welches über ein weit verzweigtes Netz an Scheinfirmen und Ablegern den Cavaletta gehörte.

Sein Blick driftete ab, glitt über die Sportwägen des Autohauses, vor dem er Stellung bezogen hatte.
Gelb, schwarz und rot dominierten unter den Lackfarben, reizten seine Augen, während andere, meisten Touristen und nur wenige Einheimische, gar nicht den Blick von den Ferraris nehmen konnten.
Wie Götzen wurden die Flitzer bewundert, bestaunt und photographiert. Eine unerreichbar teure Götze, die sich nur wenige Auserwählte leisten konnten.
Niccolo, den er durch die Fenster im gläsernen Sportwagenpalast um einen gelben Testarossa herum schwänzeln sah, war einer dieser Auserwählten. Der Kronprinz der Cavalettas, il principe.

Claudio selbst bevorzugte solide deutsche Wägen, wie den Mercedes, an dem er lehnte. Teuer und behäbig, aber stilvoll, ohne protzig zu wirken. Er hatte sich das Auto vor fünf Jahren auf Anraten seines Comparatico gekauft, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte und er in ein tiefes, emotionales Loch gefallen war. Zwar hatte ihn das Auto nicht aus seiner Depression reißen können, doch er hegte und pflegte es mit Liebe und Sorgfalt. Seine Kinder, die er ein Mal im Monat sah, hatten es auf anhieb cool gefunden. Etwas, das ihn erfreut hatte, auch im Angesicht seiner Exfrau, die nur einen mitleidvollen Blick für ihn, den Krüppel, übrig gehabt hatte.

Wäre er zwanzig Jahre jünger, in Niccolos Alter, hätte auch er zu einem Sportwagen aus der Heimat tendiert. Ende zwanzig, mit dem Charisma, Aussehen und, vor allem, mit dem Geld der Cavalettas gesegnet standen einem alle Türen offen. Vor allem bei Frauen. Und das Beste, um seinen sozialen Stand zu zeigen, Frauen zu beeindrucken und Männer in ihre Schranken zu verweisen, war eindeutig ein nagelneuer Ferrari.

Eine angeregte Diskussion schien zwischen dem Autoverkäufer und dem Principe entbrannt zu sein. Beide gestikulierten wild, was Claudio nicht im mindesten beunruhigte; vor der Tür des Autosalon standen zwei Männer wache, während im Gebäude weitere zwei Männer die Umgebung im Auge behielten. Nach etwa zehn Minuten schienen sich die beiden Männer einig. In Begleitung des Autohändlers betrat Niccolo den Innenhof und ging zielstrebig auf einen schwarzen Sportwagen zu, der trotz seiner dunklen Lackierung zu strahlen schien.
Einige Male umkreiste der Principe den Wagen, nickte scheinbar zufrieden und nahm den Autoschlüssel entgegen.
Unruhig trat Claudio von einem Fuß auf den anderen. Der Junge sollte in keine fremden Autos steigen; keine Wägen fahren, die nicht vorher kontrolliert worden waren. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus, ließ seinen Magen schmerzen, als Niccolo mitsamt einer der Wachen in den Wagen stieg. Die drei verbliebenden Männer waren mit dem Händler in eine rege Diskussion vertieft und schienen mehr an den Autos interessiert, als an ihrem Job.
Claudio stieß sich am Wagen ab, humpelte über den Bürgersteig die Einfahrt hinauf und fragte sich woher die plötzlichen dröhnenden Kopfschmerzen kamen.
Er beschleunigte seinen Schritt, schlängelte sich durch die Reihen an aufgereihten Wägen, kam aber wegen seiner sperrigen Prothese nur langsam voran.

Wie viel kostet die Welt?

Eine Explosion zerriss die Stille und presste Claudio die Luft aus den Lungen. Er wurde auf den Bürgersteig zurück geschleudert und beantwortete sich in einem Moment völligen Irrsinns die Frage selbst.
Die Antwort war so einfach wie zerstörerisch: Manchmal kostete die Welt ein Leben.
Die Schmerzensschreie verebbten, nur noch ein leises Wimmern drang an sein Ohr, ganz in seiner Nähe.

Noch ehe Claudio realisieren konnte, dass er selbst derjenige war, der leise Schmerzenslaute von sich gab, verstummte auch das Wimmern.

 

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